 15/250 - Gesichter deutscher Rap-Kultur: Hip Hop war schon immer eine Kultur die Erwachsene nie richtig begreifen wollten, in der junge Menschen aber oft ihre einzige Perspektive sahen.
In den Medien sagt man der Rap-Musik nach, dass sie ausschließlich in sozial schwächeren Gegenden verbreitet sei. Das sei dahin gestellt. Zum einen kann es aber wohl an seiner Härte liegen und an dem Fakt, Dinge nicht zu beschönigen, sondern sie beim Wort zu nennen. Rap ist halt nichts für Weicheier.
Ein Mensch, der Hip Hop lebt und Rap atmet ist Ercandize. Der Rapper, Labelchef und diplomierte Wirtschaftswissenschaftler kann sich ein Leben ohne diesen Sprechgesang nicht mehr vorstellen und beweist im Interview, dass man es auch schaffen kann, mit Rap erwachsen zu werden.
WildstyleMag: Wie würdest du deine Jugend in Bezug auf die Hip Hop Kultur beschreiben?
Ercandize: Ich will keine Sekunde nicht erlebt haben. Hip Hop hat mich maßgebend geprägt. Ich bin über jede Jam glücklich, auf die ich gefahren bin. Ich habe das Privileg viele Dinge mehr erleben zu haben, die viele Jugendliche nicht miterlebt haben. Damals kam halt Rap noch von der Straße und nicht aus dem Internet.
WildstyleMag: Inwieweit hat dich diese Kultur damals, als sie in Deutschland noch in den Anfängen stand, schon begleitet und geprägt?
Ercandize: Sehr. Ich war das typische Jamsession-Kind. Ich habe rund um die Uhr Rap gehört, wie ein Besessener. Ich denke, Rap hat mich vor vielen Dingen bewahrt. Mein Werdegang hätte heute auch anders aussehen können. Wenn ich mit meinen Kumpels irgendwo auf Jams aufgetaucht bin, waren wir immer die Jüngsten. Wir wurden von den Rappern und Sprühern miterzogen. Das waren unsere Vorbilder, die uns gelehrt haben, was es heißt, jemanden für seine Skills zu respektieren. Diese Lehrstunden sitzen bis heute bei mir und deshalb bin ich auch so viel cooler als diese ganzen Rap-Affen da draußen.
WildstyleMag: Würdest du heute als Jugendlicher nochmals mit dem Rappen anfangen? Gäbe es noch Perspektiven für dich?
Ercandize: Keine Ahnung. Kann ich echt nicht sagen. Die Gründe warum ich damals angefangen habe, waren andere als die derjenigen, die heutzutage anfangen. Über Kohle hab ich erst nach Jahren des Rappens ernsthaft nachgedacht oder über diesen ganzen Business Kram. Das steht heutzutage ja an erster Stelle bei den Kids. Aber ist auch nicht so meine Welt, dieser ganze negative Mist.
WildstyleMag: So kurz vor Weihnachten wird man mit Bitten um Spenden und Co. überschüttet. Wenn du dich für eine Sache auf der Welt einsetzten könntest, welche wäre es und warum würdest du dich gerade für diese entscheiden?
Ercandize: Für welche wohl: Für Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt. Die Gründe dafür muss man nicht nennen oder?
WildstyleMag: Dieses Jahr fanden in Deutschland die Bundestagswahlen statt. Könntest du dir vorstellen, dich in Deutschland politisch zu engagieren sowie es Künstler in Amerika tun?
Ercandize: Definitiv, aber dann eher nicht wie diese Ami-Pappnasen, sondern auf lokaler oder regionaler Ebene könnte ich mir gut vorstellen mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten.
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