 Im Sommer ist es, was musikalische Neuheiten auf dem Tonträgermarkt anbelangt, ja bekanntlich immer etwas stiller als zu anderen Jahreszeiten. Dafür wird dann auf Festivals...
...aller Arten soviel gesoffen, gerockt und gegrölt, dass es reicht, um den bevorstehenden Minusgraden bis zur nächsten Hitzeperiode, die kalte Schulter zu zeigen. Bevor uns die Wärme verlässt und die gefürchtete Kälte einbricht, bringt aber der Herbst demnächst wieder etwas Bewegung in die sommerschläfrigen Musikcharts und lässt auf sensationelle Releases hoffen. Und wer von den Künstlern hier punktet, der wird sich über Anfragen für Live-Gigs im Sommer 2010 sicher nicht retten können. Also, haut rein!Ob mit oder ohne neuer Platte, einer, der wahrscheinlich auch nächstes Jahr wieder auf Festivals zusehen und zuhören sein wird, ist Tua. Mit im Gepäck, seine leicht speziellen Musik, bei der sich so mancher sicher fragt, warum der Gute nicht im Bereich des Pops Fuß gefasst hat, sondern ausgerechnet im Hip Hop. Mich jedenfalls stört das nicht, ich traf den sympathischen Individualisten und Einzelkämpfer auf dem splash! Festival und führte mit ihm im Regen eine kurze, aber interessante Unterhaltung. Er verriet mir, warum Musik für ihn wichtiger ist als eine Ausbildung, er sich musikalisch nicht reinreden lässt und warum Deutschrap in seinem Player nichts zu suchen hat. WildstyleMag.com: Was war für dich der ausschlaggebende Punkt, um Musik zu deinem Lebensinhalt zu machen?
Tua: Das ich Musik zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht habe, war viel weniger eine bewusste Entscheidung. Es war eher die Konsequenz daraus, dass sich schon immer alles in meinem Leben um die Musik gedreht hat. Egal was ich gemacht habe, am Ende hat sie sich durchgesetzt. Früher war ich krass im Sport aktiv, wollte Fußballer werden. Aber das waren, wenn man es heute betrachtet, alles Jugendträume. Die ganzen Begeisterungen, die man früher so hatte sind alle irgendwann auf der Strecke geblieben. Das Einzige was dabei aber immer blieb, war die Rap-Musik. Musik war mir am Ende dann wichtiger als Schule oder eine Ausbildung.
WildstyleMag.com: Und wo wärst du heute, wenn das mit der Musik nicht geklappt hätte?
Tua: Wäre ich nicht hier im Musikgeschäft gelandet, dann würde ich wahrscheinlich eben so etwas Kreatives machen. Vielleicht würde ich Bücher schreiben oder etwas in die Richtung Web-Design. Momentan mache ich gerade meinen Zivildienst im sozialen Bereich. Das macht auch unglaublichen Spaß. Ich hatte schon immer das Talent Menschen zu helfen, die mit ihrem normalen Leben nicht klar kamen. Leuten in den Arsch zu treten, damit sie wieder einen Job finden, ihnen bei Einkäufen oder Behördengängen zu helfen, das ist echt gute Arbeit. Die Menschen müssen auch mit ihren Problemen wieder ins Leben integriert werden. Das zu schaffen, gibt mir ein unglaublich gutes Gefühl. Schon allein aus moralischem Aspekt heraus.
WildstyleMag.com: Wenn man dich rein als Solokünstler betrachtet, wirkst du oft ein bisschen wie ein Einzelgänger. Hinter dir stehen keine Produzenten, Backup MC’s und DJ’s. Bist du kein Teamplayer?
Tua: Wahrscheinlich bin ich bedingt ein Einzelgänger. Innerhalb meines Soloprojektes mache ich, vor allem in den letzten zwei Jahren, sperriges und introvertiertes Zeugs, da fällt es mir sehr schwer mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Ich lasse mich da auch nicht auf andere Meinungen ein. Egal ob jemand von Musik Ahnung hat oder nicht und sagt, du musst hier mehr Pop machen und da mehr das. Da bin ich stur und entscheide für mich allein. Ich brauche keine zweite Meinung. Bei anderen Projekten wie den Orsons, da bin ich ja nur Teil einer Gruppe und mache vielleicht auch mal Dinge, die ich solo nie machen würde. Aber das lasse ich dann auch raushängen und somit ist das in Ordnung. Ich glaube, dass jeder Künstler der eine Vision hat die er gern umsetzen möchte und der in der Lage ist das selbstständig zu tun, sich glücklich schätzen kann. Und da ich die Gabe habe, alles selbst zu komponieren und einzuspielen, nutze ich sie auch.
WildstyleMag.com: In welchen Momenten spürst du, dass du für die Musik lebst?
Tua: Es gibt oft solche Momente, in denen sich bei mir eine enorme Zufriedenheit einstellt, in denen der Zufriedenheitsmuskel oder wie das auch immer heißen mag, bei mir enorm stimuliert wird. Auf dem splash! bin ich als Opener vor vielleicht 1.000 Leuten aufgetreten, aber die Stimmung war der Oberhammer. Das war so ein gutes Gefühl die Bühne zu rocken. Oder auch wenn ich auf MySpace neben den ganzen Muruk-lass-mal-Feature-machen Anfragen, Nachrichten von Menschen bekomme, die schreiben, dass ihnen meine Musik durch eine schwere Zeit geholfen hat. Es gibt die unterschiedlichsten Momente. Und das passiert wahrscheinlich jedem Menschen, der sein Leben in die Hand nimmt und genau das macht, worauf er Bock hat.
WildstyleMag.com: Bist du ein Deutsch-Rap Fan?
Tua: Überhaupt nicht. Null. Es gibt so gut wie niemanden, der mich heute noch berührt. Aber im Allgemeinen gibt mir Rap wenig. Es gibt Musik, die berührt mich auf einem anderen Level als Rap dazu jemals im Stande wäre. Ich höre privat alles querbeet. Jemand der mich stark inspiriert hat, ist der Sänger Conor Oberst von den Bright Eyes. Das ist Gitarren-Soul mit unglaublich abstrakten und traurigen Texten, die mir so nahe gehen, dass ich einen Monat lang nur drei Songs von ihm auf meinem mp3-Player gehört habe. Aber auch Trip-Hop ist auf jeden Fall mein Ding. Ich brauche Musik, die audiovisuell ist oder wie nennt man das? Ich meine damit, dass Musik in meinem Kopf Bilder erzeugen muss. Massive Attack sind für mich dunkle Hochhausschluchten mit Leuchtreklame. Da flieg ich komplett weg. Aber auch Elektro ist geil, was natürlich inhaltlich ein komplett anderes Level ist. Musikalisch muss jedenfalls einiges passieren, damit es mich was flasht.
www.myspace.com/bigtua
NÄCHSTEN MONTAG: 7INCH - „BEATS MÜSSEN EMOTIONEN WECKEN!“
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