| Dra-Q - "Gasknarren in den Gürtel gesteckt" |
| Geschrieben von: Mareen Wordoff | |||||
| Montag, 25. Mai 2009 um 10:49 | |||||
![]() 23/250 - Gesichter deutscher Rap-Kultur: Die BRD ist am Wochenende 60 Jahre alt geworden. Doch was genau es da eigentlich zu feiern gab, wissen wohl die wenigsten unter uns. Am 23. Mai 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet und das Grundgesetz trat in Kraft, heißt: Wir feiern 60 Jahre Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und sozialen Frieden. So etwas gab es in Deutschland vorher nicht. Kaum jemand von uns kann sich heute vorstellen, wie es noch vor 65 Jahren in Deutschland aussah. Es herrschten wüste Zustände der Zerstörung, Hunger, Armut und eine Familientragödie jagte die Nächste. Niemand dachte zu dieser Zeit an das heißgeliebte World Wide Web, Billigflugtickets rund um die Welt oder 24 Stunden rotierende Musikvideos auf MTV.Es ist unglaublich, welche Entwicklung in den letzten sechs Jahrzehnten in unserem Lande stattgefunden hat. Die Früchte, die wir heute ernten, stammen von der Saat die unsere Ur-Großeltern, Großeltern und Eltern einst säten. Es ist unglaublich. Mit Anfang der 80er Jahre hielt dann auch Rap-Musik Einzug in ostdeutsche Jugendzimmer. Einer, der sich damit ganz gut auskennt, ist das Berliner Rap-Urgestein Dra-Q. Mit ihm sprach ich darüber, wie es sich anfühlt ein Old Skooler zu sein und warum man auch nach so vielen Jahren nicht auf HipHop verzichten möchte. WildstyleMag.com: Du bist ein Old Skooler und kennst die Rap-Szene von früher. Gibt es etwas, was du heute vermisst? Dra-Q: Ja, die Szene. Im Ernst, ich kann jetzt eigentlich nur das herunterbeten, was bei solchen Fragen von Hip-Hoppern über 30 Jahren immer heruntergebetet wird. Früher gab es einen Zusammenhalt, weniger Hass und mehr Kreativität. Skills standen im Vordergrund, nicht wie viele Homies du aus dem Knast und auf der Straße kennst. Früher war es eben HipHop. Heute gibt es fast nur noch Rap und vor allem – Rapper, die HipHop scheiße finden. Graffiti hat sich vom HipHop entfernt, Breakdance hat sich entfernt. Und schlechter Rap dominiert das Bild von HipHop in der Öffentlichkeit. Vor allem aber vermisse ich den Spaß an der Sache. HipHop hat uns doch allen einmal Spaß gemacht. Heute geht es nur noch darum, möglichst niveaulos anderer Leute Mütter zu beleidigen und sofort drauf loszuschlagen, falls die eigene Mutter ins Fadenkreuz gerät. Hass ist zum fünften Element geworden. Die Internetentwicklung hat dazu beigetragen, dass jeder scheinbar anonym jeden bewerten darf. Dieses Bewerten hat sich zu einer abnormen Hateration entwickelt. Ich verstehe die Kids nicht, ich habe gar nicht das Bedürfnis, auch nicht die Energie, um mich hinzusetzen und jeden und alles, was ich nicht mag zu beschimpfen. Wenn mir etwas nicht gefällt, höre ich es mir nicht an. Punkt! WildstyleMag.com: Aber was gibt dir diese HipHop-Kultur seit Jahren? Du scheinst ja auch nicht ohne zu können. Dra-Q: Es ist inzwischen einfach ein Teil meines Lebens geworden. Die Aussage "Ich lebe für HipHop" würde ich so nie unterschreiben, dafür aber "Ich lebe mit HipHop". Neulich habe ich festgestellt, dass es über 20 Jahre her ist, dass ich mich für Beatstreet und Breakdance im Ferienlager begeistert habe. Und ich liebe es immer noch genauso wie früher. Ich kaufe nach wie vor Platten. Ich habe mir gerade das "Hour of Reprisal" Doppel Vinyl von Ill Bill geholt. Letztlich hat alles in meinem Leben irgendwie mit HipHop zu tun. Selbst meinen Job habe ich durch Rap gefunden. Mein Vater wird auch immer Rock und die Stones oder die Beatles hören und mögen. So ist es bei mir auch, nur eben mit meiner Musik. Und Rockmusik hat nicht einmal dieselben Möglichkeiten sich zu integrieren, wie sie HipHop bietet. Dra-Q: Ich gehe jeden Tag mit Fitted Cap und Baggy Jeans ins Büro. (lacht) Man kann dafür nicht zu alt werden. Warum auch? Wie vorher schon einmal gesagt, mein Vater ist auch noch auf dem Beatles- und Stones-Film. Es wird immer wieder passieren, dass Du auf Leute triffst, die einfach keine Ahnung haben und denken HipHop gäbe es erst seit 5 Jahren. In den Augen dieser Leute läufst du dann natürlich komisch rum, aber was interessieren dich diese Leute? Und es gibt nichts, was ich mehr hasse als irgendwelche 20-jährigen, die mir erzählen, sie hätten "früher" auch mal Rap gehört und wären jetzt zu alt dafür. So ein Blödsinn. Es ist ein Teil der urbanen Kultur und ich gehöre dazu. Das Alter ist nichts weiter als eine Zahl auf dem Ausweis. Außerdem, guck dir doch die Artists an. Sind das Kids? Ill Bill, Everlast? Die drehen doch gerade mit La Coka Nostra richtig auf. Erzähl denen mal, dass man doch langsam in so ein Alter kommt. (lacht) Allerdings fühle ich mich oft zu alt für das was gerade so als HipHop-Kultur bezeichnet wird. Auf diesen Black Music und HipHop Partys fühle ich mich verloren. Deshalb gehe ich auch kaum noch weg. Aber es gibt ja viele Altgewordene, man nennt uns auch gern Hängengebliebene, Hip-Hopper. Mit meinem Kumpel Abroo kann ich zum Beispiel stundenlang über früher quatschen. Mit Kobra oder Pyranja ebenso oder Sera oder Taleb, Kimoe oder, oder, oder. Es gibt haufenweise Leidensgenossen allein in meinem engeren Umfeld. Es wird vielleicht Zeit für eine neue Szene aus alten Leuten. (grinst) Dra-Q: Eigentlich denke ich, sollte man eher die Realität verarbeiten und reflektieren als irgendetwas anderes zu erfinden. In Deutschland geben momentan eben viele vor, harte Straßenkämpfer und Gangster zu sein - mehr Phantasiewelten gibt es ja eigentlich nicht. Was ich bedenklicher finde als vorzugeben, dass man ein Gangster ist, ist, dass viele anfangen, diesen Quatsch in die echte Welt zu übertragen. So werden aus normalen Kids plötzlich echte Gewalttäter, weil sie sich irgendwie reinsteigern. Ich frage mich nur manchmal, ob es heute wirklich schlimmer ist als damals, als wir nach Filmen wie "Boyz N the Hood" und "Menace II Society" plötzlich Gangster spielen wollten und uns die Gasknarren in den Gürtel steckten. Aber vielleicht war das bei uns damals eher eine verschobene Ghetto-HipHop-Romantik. Heute ist die Gewaltbereitschaft wohl irgendwie höher. WildstyleMag.com: Auf Image-Rappern wird ja grundsätzlich gern rumgehackt. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass fast jeder deutsche Rapper ein Imagerapper ist. Was ist da los? Müssen denn immer alle so real sein? Dra-Q: Ein wenig mit Klischees spielen gehört dazu, das bestreite ich nicht. Aber das "real sein" hat ja auch nichts mit der Untergrund-Gangster-Welt zu tun. "Keep it real" bedeutet sich selbst treu zu bleiben und sein Ding zu machen. Und jeder der sein Ding macht, ist real. Trotzdem, wenn ich auf ein Konzert gehe, will ich einen gewissen Abstand zum Künstler haben, ich will ihn cool finden. Also gehört eine gewisse Show dazu. Wenn ich ganz ruhig auf die Bühne komme oder im Video da stehe und mich so gebe wie Abends in der Kneipe bei einem Bierchen, wäre das irgendwie doch nicht so interessant. Oder? WildstyleMag.com: Tausend Dank! ÜBERNÄCHSTEN MONTAG: BEATHOAVENZ: "DEUTSCHER RAP BRAUCHT VERÄNDERUNG!"
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Kommentare (12)
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Baron Knutschtzuviel
said:
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| Sehr gutes Interview,ein Wunder,dass es sowas 2009 noch gibt!Danke "Mc Donald´s":) |
Berlinrap
said:
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Zuerst dachte ich: "Hilfe, macht der jetzt auf Gangster?!?" hehehe, habt ihr mich aber gut verarscht. Ich hoffe die Leute lesen das Interview und lassen sich vom Bild nicht abschrecken. Sonst Daumen hoch! Super Interview, genau meine Meinung! Berlin!!! |














