Phreaky Flave - "Kultur leidet unter Mainstream"
Geschrieben von: Pauline Staigle   
Sonntag, 03. Mai 2009 um 19:08

26/250 - Gesichter deutscher Rap-Kultur: Es gibt Momente im Leben, da zweifelt man an allem, wovon man glaubte, es sei der...

...Dreh- und Angelpunkt des persönlichen Daseins. Bei mir war das in jüngster Vergangenheit zum ersten Mal auch die Kultur, die mir bisher immer Rettungsanker war, wenn alles andere den Bach hinunterging. Zum einen hängt das mit dem immer rauer werdenden Wind in der Szene, zum anderen mit dem Gefühl zusammen, sowohl Konsumenten als auch Darsteller des Hip Hop-Zirkus sind nicht mehr mit Herz bei der Sache.

Dabei geht es weniger um die Musik, als um die Kultur, die Ideologie und das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das hierzulande und gerade in einer Stadt wie Berlin meines Erachtens kaum mehr existiert. Der Kulturbegriff wird kaum mehr im Zusammenhang mit Hip Hop verwendet, der Fokus liegt fast allein auf Rap und auf dem szeneinternen Gossip, den Streitigkeiten zwischen Rapper A und Rapper B, dem Label X und der Stadt Y. Was mir jedoch klar geworden ist: Es ist nicht der richtige Weg an der Kultur und ihren Werten zu zweifeln, sondern es geht darum, seine persönliche Position zu finden, seine Identität und Identifikation immer wieder neu zu definieren, um Hip Hop mit erwachsen werden zu lassen und das Gefühl der Entfremdung zu vermeiden.

Und immer wieder begegnen mir Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, sie haben ihren Platz gefunden und halten unerschütterlich an ihrer Liebe zu Hip Hop fest. So auch Phreaky Flave, der mir im Gespräch einen Einblick in sein Leben mit und als Teil der deutschen Rap-Szene gab.

WildstyleMag.com: Wie würdest du die Entwicklung von Hip Hop seit deinen Anfängen als Rapper beschreiben? Was hat sich positiv verändert, was negativ?

Phreaky Flave: Ich habe 1994 richtig begonnen zu rappen. Seit damals hat sich vieles verändert was die Kultur, die Fans und die Art der Musik betrifft. Es haben sich viel mehr Gruppierungen gebildet, andere Musikrichtungen haben sich mit Hip Hop vermischt und Hip Hop ist weltoffener geworden. Das hat gleichzeitig aber auch einen negativen Aspekt: Zwar ist Hip Hop um die ganze Welt gegangen, aber die Kultur selbst leidet darunter, dass Hip Hop Mainstream geworden ist.

Im Großen und Ganzen ist Hip Hop aber weltweit größer geworden, was natürlich rein positiv zu werten ist. Auf Deutschland bezogen würde ich sagen, dass es vielen Künstlern aus meiner Generation ein Dorn im Auge ist, das Hip Hop klischeehafter geworden ist. Neulich bin ich an einem Kindergarten vorbeigelaufen, war so angezogen wie immer und die Kinder haben gerufen: "Schau mal, da ist ein richtiger Gangster."

Das ist das, was mich traurig macht: Hip Hop wird sofort mit "Gangster" assoziiert. Dieses Gangsterding schiebt seit Jahren Welle und die ganze Hip Hop Kultur wird dadurch in ein ganz anderes Licht gerückt. Viele benutzen Gangster-Rap, um ein Image zu schaffen, das sich verkauft. Das ist nicht der Grund, aus dem ich rappe, ich sehe mich eher als "klassischen" Rapper, "old-skooliger". (lacht)

WildstyleMag.com: Welche Ziele hast du dir für die Zukunft gesetzt?

Phreaky Flave: Ich möchte mir ein Standbein schaffen, durch einen Job, den ich gerne mache. Ich bin gern kreativ und ich blicke auch in eine Zukunft, in der ich kreativ tätig sein kann, so in Richtung Werbe- oder Webdesign. Künstlerisch werde ich weiterhin aktiv bleiben, Rap wird mich immer begleiten. Auch wenn ich irgendwann nicht mehr in der Lage wäre zu rappen, würde ich immer in die Rap-Szene involviert bleiben. Ob ich dann Cover gestalte oder Beats baue wie früher, weiß ich noch nicht. Aber ich möchte mir ein künstlerisches Standbein erschaffen, von dem ich auf lange Sicht leben kann, ohne zuviel Stress, einfach gechillt! (lacht)

WildstyleMag.com: Was würdest du einem jungen, vielversprechenden Rapper, der ganz am Anfang seines Weges steht für ein Werkzeug in die Hand geben? Welchen Rat hättest du für ihn?

Phreaky Flave: Dass er auf das hören soll, was sein Herz ihm sagt. Er sollte auf sich selbst hören, aber trotzdem Ratschlägen von erfahreneren Leuten nicht abgeneigt sein. Man sollte sich immer Träume bewahren, aber nicht verträumt durchs Leben laufen. Das würde ich ihm sagen.

WildstyleMag.com: Was sind die wichtigsten Momente deines Lebens, die du mit oder durch Hip Hop erlebt hast?

Phreaky Flave: Einer der wichtigsten Momente überhaupt war, als ich beim splash! auf der Hauptbühne Featuregast von Franky Kubrick sein durfte. Das war ein echt krasses Gefühl, 10.000 Leute standen vor der Bühne, aber ich hab das damals gar nicht so wahrgenommen. Erst als ich das Video vom Auftritt dann gesehen habe wurde mir klar, wie viele da gekommen sind. Das war der Topmoment überhaupt.

Aber es gibt so viele schöne Dinge, die man durch Hip Hop erlebt. Allein die Leute und die Orte, die man kennen lernt. Ich spiele seit ‘96 Auftritte, ich bin viel rumgekommen. Alles zusammengenommen ist besser als Sex, glaub ich. (lacht) Der Moment, in dem man auf der Bühne steht, davor stehen Leute, die den Text auswendig mitrappen - für einen Künstler gibt es nichts besseres. Ich hab viele tolle Leute kennen gelernt, auch andere Künstler, es ist wie eine riesige Familie, könnte man fast sagen.

WildstyleMag.com: Es gibt ein Sprichwort: “Was dich nicht umbringt, macht dich nur noch härter.” Wie gehst du mit Tiefpunkten und Niederlagen in deinem Leben um?

Phreaky Flave: Es kommt darauf an, was das für eine Niederlage ist. Es gab schon Momente, die mich richtig heruntergerissen haben, zum Beispiel der Tod meiner Mutter 2000, die durch einen Autounfall gestorben ist. Es hat lange gebraucht, bis ich das verarbeitet hatte. Ich habe einen Song mit meinem Bruder gemacht, den ich ihr gewidmet habe. Erst vier Jahre danach konnten wir den schreiben. Das war ein richtig großer Tiefpunkt, der tiefste Punkt meines Lebens bis jetzt. Andere Tiefpunkte und Niederschläge scheinen dagegen wirklich belanglos und nicht erwähnenswert.

WildstyleMag.com: Danke für deine offenen Worte!

www.myspace.com/phreakyflave

Nächsten Montag: SHIML - "Ich hatte schon immer viel zu sagen"

Kommentare (2)add comment

Solo77 said:

Ich kenne ihn, d.h. wir haben uns mal beim Franky Kubrik Konzert ausgibig unterhalten zu zeiten von Rec. on. Pad is ja auch nur ein Katzensprung von hier deswegen.... is n echt cooler Typ... no more statement!

http://www.myspace.com/freedealproduction
Mai 09, 2009

Jones said:

Super Junge der Phreaky. Wünsch ihm viel Erfolg für die Zukunft.
Mai 07, 2009

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

security image
Bitte den folgenden Code eintragen


busy