Juvel - "Musik ist meine Sünde!"
Geschrieben von: Mareen Wordoff   
Montag, 19. Januar 2009 um 10:26

40/250 - Gesichter deutscher Rap-Kultur: Jeder Musikjournalist begegnet im Laufe seiner Karriere unglaublich vielen Künstler und deren Anhängsel...

Viele sind auf ihre Weise sympathisch, andere eher nicht. Ein großer Teil hat eine Menge interessanter Storys zu erzählen, einige verstecken sich hinter Alben-Releases oder Promotion-Geschichten. Auch im 11. Teil unserer Serie haben wir es wieder geschafft, einem Künstler etwas mehr zu entlocken, als letzt genanntes. Mit Curtains-Up MC Juvel sprachen wir darüber, wie es ihm gelingt Rap und den islamischen Glauben zu verbinden, über den Gedanken "Poetischer HipHop" und Deutschlands versaute Rap-Jugend.

WildstyleMag.com: Du bist quasi multikulturell aufgewachsen: Als Perser geboren, lebst  du aber in Deutschland. Wie verbindest du beide Kulturen, vor allem den islamischen Glauben und deine Liebe zum Rap miteinander?

Juvel: Da ich zum Großteil in Deutschland aufgewachsen bin, hier meinen Schulabschluss gemacht habe und auch hier studiere, kenne ich ja beide Kulturen und die Mentalität beider Völker. Was den Islam und die Liebe zu Rap angeht, kann ich verstehen, wenn manche religiöse Moslems das als unvereinbar ansehen. Natürlich auch wegen der oft negativen Inhalte von Rap-Musik. Viele gläubige Moslems, wie zum Beispiel meine Großmutter, halten Musik überhaupt nicht für eine Sünde. Die Meinungen sind daher gespalten.

Für mich persönlich muss ich sagen, dass ich zu wenig über den Islam weiß, um mir herauszunehmen, darüber zu urteilen. Aber ich denke, dass ich sogar wenn ich mich irgendwann zu einem religiöseren Leben entscheiden würde, andere Sorgen hätte als die Musik. Wenn ich es schaffen könnte, mein Leben komplett in den Griff zu bekommen und meine Musik wäre meine einzige Sünde, könnte ich gut damit leben. (grinst)

WildstyleMag.com: Wenn über deine Musik gesprochen wird, fällt oft das Wort Poesie. Braucht HipHop mehr Poesie und künstlerischen Ausdruck?


Juvel: Die Poesie und der künstlerische Ausdruck sind für mich einfach ein Stilmittel um Dinge, die schon oft gesagt wurden, auf eine neue, vielleicht interessantere, jedenfalls eigenere Weise auszudrücken. Dabei sollte man aber auch wissen, bei welchem Song das passt und bei welchem nicht und insgesamt die Songtexte nicht so überzudosieren, dass man nur noch rätseln kann, was der Künstler eigentlich meint.

Aber ich mag einfach diese Bildersprache. Das hat auch sehr viel mit der persischen Sprache und Kultur zu tun. Wir Perser sprechen sehr bildlich und dramatisch, auch im Alltag. Unsere Redewendungen und Sprache sind voll mit Vergleichen und Bildern. Das lasse ich in meine Songtexte einfließen, wo ich es passend finde.

WildstyleMag.com: Es gibt ein tolles Sprichwort: "Sprache ist Macht. Sprache ist Leben. Sprache ist das Instrument der Kulturen -  das Instrument von Unterdrückung und Befreiung." Könnte das nicht auch die Botschaft des HipHops sein?


Juvel: Das ist ein interessantes Sprichwort. Von wem ist das? Grade auf HipHop trifft es sehr zu. HipHop ist mehr als eine Musikrichtung. Es ist eine Lebenseinstellung. HipHop hat viel mit Selbstverwirklichung zu tun. Und mit Eigenständigkeit. Was Leute wie Russel Simmons, Kevin Liles oder Jay-Z eigenständig auf die Beine gestellt haben ist unglaublich. Das waren Leute, die nichts hatten und sich durch HipHop unabhängig gemacht haben und jetzt steht Jay-Z neben dem Bürgermeister von New York und hält nach ihm eine Rede.

Aber auch in Deutschland gibt es solche Geschichten. Natürlich sind das andere Dimensionen, aber was zum Beispiel Aggro Berlin geleistet hat ist krass. Und hoffentlich sagt man das auch irgendwann von Curtains Up. (grinst) Wir sind auch nur eine Gruppe von Freunden, die das gleiche Ziel verfolgen und unser Hobby zum Beruf machen möchten. Und das schöne ist, HipHop gibt uns die Möglichkeit dazu.

WildstyleMag.com: Von vielen Seiten wird den MC’s oft unterstellt, nicht als Vorbildfunktion und Wegweiser für die Jugend zu fungieren. Denkst du Rap versaut die Jugend?

Juvel: Ich finde zu sagen, dass Rap die Jugend versaut ist übertrieben. Da gibt’s im Internet Webseiten, mit denen Rap nicht mithalten kann was das angeht. Und natürlich die Filme usw. Trotzdem trägt Rap seinen Teil dazu bei die Jugend zu "versauen". Aber es kommt glaub ich auch immer auf die Erziehung und den Charakter der Zuhörer an. Ich hab auch immer Rap gehört, Kampfspiele gespielt und Gangster-Filme geschaut, aber trotzdem lauf ich nicht Amok. Leider kann nicht jeder zwischen Unterhaltung und Realität unterscheiden.

WildstyleMag.com: Wenn du nach Amerika als quasi Vaterland des HipHop’s schaust, wo siehst du im Vergleich zu Deutschland die Vorteile und die Chancen?

Juvel: Drüben hast du einfach in jedem Bereich Leute, die ihr Handwerk bis ins kleinste Detail beherrschen. Hier gibt sich jeder mit dem zufrieden, was man finden kann. Der Level-Unterschied ist riesig. Außerdem ist der Vorteil drüben, dass der Markt für HipHop viel größer ist, so dass man sogar als relativ kleiner Fisch durch die Musik über die Runden kommen kann, während man sich hier sogar als bekannter Rapper oder Produzent Sorgen machen muss, wie man sich über Wasser halten soll. Aber vielleicht sieht es in ein paar Jahren auch bei uns anders aus.

WildstyleMag.com: Vielen Dank an dich, Juvel!

www.myspace.com/juvel

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Kommentare (7)add comment

pottkönig said:

juvel - hammer, texte gehen unter die haut. endlich mal ein iraner der an start kommt! azad und juvel beste!
Januar 29, 2009

janine said:

der kommt cool rüber. hat mal was im kopf und bleibt auf dem teppich nicht wie die ganzen opfer.
Januar 29, 2009

egon said:

mal off topic:
die news der seite sind echt mal ne alternative zum sonstigen hip hop brei der anderen seiten
...aber diese aufteilung mit startseitennews, news, blog und was weiß ich - da sieht doch kein schwein durch
mal alles ordentlich uff de startseite bitte

und die werbung wird auch immer mehr und unpassender!
und meint ihr die hip hop fans bestellen bei baur und otto????
Januar 22, 2009

Drx said:

schön zu lesen ... hatte den herren vorher gar nicht vor der maske. werds mal auschecken.
Januar 20, 2009

nice said:

bin auf wolkenloch gespannt.
Januar 19, 2009

whatzup said:

wenigstens einer der mal was zu erzählen hat. da hat die redakteurin recht.
Januar 19, 2009

max said:

cool - wird immer besser die serie
Januar 19, 2009

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