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Boran im Interview – „Allerdings empfinde ich mich selbst oft als zu saftig und schwerverdaulich.“

von Slick die Ratte am 02 Okt. 2012 in Allgemein|Downloads|Exclusive Interviews|Interviews|Stream
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Sei gegrüßt, lieber Boran. Da du ja auch ein Mensch bist wie ich und unsere Leser braucht man dich ja eigentlich nicht vorzustellen. Du kannst aber gerne in alter „Herzblatt“-Manier was zu dir sagen.

Ich bin Boran aka Borilla aka BurnOutBoB und seit 13 Jahren Bestandteil der Arm&Hässlich Crew. Wir sind drei Vokalisten, Tzunamiak und Gee-Shok sind die anderen beiden.

Ich bin mittlerweile 33 Jahre alt und studiere Pädagogik in Oldenburg, wo ich auch geboren bin und seitdem lebe. Ich hab 2002 das „Mixeryfreestylebattle“ gewonnen und war mit meinen Jungs in den D&D Studios in NY. Seitdem sind wir als Crew ein wenig verstreut über das Land, aber machen weiterhin zusammen Musik. Unser DJ damals und ab und zu heut noch ist PNDJHooker.

Wie kommt man denn dazu sich Arm&Hässlich zu nennen?

Wir sind damals zusammen in unserer Stadt unterwegs gewesen und wollten in einen Club und die Party hieß „Reich und Schön“. Wir sind natürlich nich schickimicki genug gewesen, um reinzukommen und haben daraufhin ne Jam organisiert und diese dann „Arm&Hässlich Jam“ gennant. Der Eintritt waren damals 3 Mark und ein Teelöffel, da der Freizeitstätte, in der das stattgefunden hat, häufig die Löffel verloren gegangen sind. Nebenbei war am Eingang Löffel abgeben auch ne coole Verbildlichung und Eingangsmetapher des gesamten Events. Wir haben auf solchen Jams immer viel gefreestyled und abgealbert auf der Bühne. Das Resultat des Abends war von da an unser Crew Name Arm&Hässlich.

 

 

Stichwort Oldenburg – Was passiert momentan in deiner Heimatstadt, also szeneintern?

Ich bin im Moment in einer Kombo mit meinem DJ Mfunk, zusammen mit Kunta Shytooth, Bon3z, Sir Alex von RottingHam und einigen Special Guests bilden wir das OhneSinnPhonyOrchester.
Smokey131, Desen und Pluto z.B. sind sehr gute Freunde von uns, mit denen wir sehr gern zusammenarbeiten. Smokey131, Kunta, Pluto, PNDJHooker, Gee-Shok, Tzunamiak und ich waren zusammen in NY damals.
Seitdem hat sich hier sehr viel getan. Die alten Helden wie Mirko oder DJ Real haben nach und nach das Feld geräumt und hier spriesst Rap wie Unkraut aus dem Boden. Viele gute Crews wie die Linguisten 24 oder Sektion13 kommen hier gerne zum wöchentlichen Happening zusammen. Die Cityslickers mit Westa MC und Gob Dillan dürfen auf keinen Fall unerwähnt bleiben.
Vereinzelt gibt es hier sehr gute Solokünstler, sehr gute Produzenten wie z.B. Derock und talentierte Live-Künstler. Um alle Crews gebührend zu erwähnen, bleibt hier nicht der Platz, aber ich kann bei weiterem Interesse auf den HipHopBlog Oldenburg bei FB verweisen.

Du rappst nicht nur geschriebene Zeilen, du singst auch und bringst gerne mal was im Freestyle aus dem Bauch heraus. Man könnte dich also als „Master of Ceremony“ im klassischen Sinne verstehen, oder?

Man munkelt so, hehehehe. Ich bin gebürtiger Freestyler. Ich hab die ersten 3 Jahre nur gefreestyled, bevor ich den ersten Text für das MixeryDing geschrieben hab – weil ich musste. Ich war damals sehr frustiert, weil mir das Schreiben ziemlich schwer fiel. Alles was ich zustande gebracht hab, war zum Zerreissen. Freestylen ist die Ausbildung des Mcs, hat mir damals Lasse Mc gesagt und das hab ich mir zum Auftrag gemacht: Zeremonienmeister und Captain des Raumschiffs sein.
Ich war halt schon immer ein FlowMetaMorph, was Styles angeht. Das ist sicherlich der Jazzer in mir. Ich bin musikalisch recht unbeholfen, wenn ich ehrlich bin. Ich kann weder Noten lesen noch ein Instrument richtig spielen. Aber ich hab irgendwie doch Musik im Blut, sonst würd sich das viel beschissener anhören, wenn ich meine MarineBandCrossover spiel, oder?

 

 

Also mir persönlich gefallen deine Freestyle-Sessions, die auch den Weg ins Internet finden, sehr. Wie kommt es zu dieser Begabung: angeborenes Talent, harte, jahrelange Übung? Allein dein blitzschnelles Assoziieren von Wörtern und Zusammenhängen finde ich beeindruckend.

Danke für die Blumen, aber ich muss gestehen, dass mich noch nicht wirklich viele Menschen auf wirklich voller Kraft gesehen haben, selbst die Videos stell ich immer auf Drängen von Freunden rein, nich weil ich die selber feier.
Leider freestyle ich viel zu wenig und müsste sehr viel mehr, um wirklich gut zu sein und auch zu bleiben. Trotzdem hab ich anscheinend eine ganz besondere Art zu assoziieren. Querdenkertum in Formvollendung. Was ich gerne konstruiere, sind Selbsttherapiesitzungen des Mindmapping beim Brainstormen meiner mich quälenden Fragen um mir Luft zu machen und ein Überblick zu verschaffen, wie es so um mich steht. Ist teilweise zu abgehoben und zu grundphilosophisch, mir allerdings bereitet das ungemeinen Spaß über nicht greifbare Dinge zu reden.
Oder ich hab einfach ein zu großes Gehirn und zu viel Zeit damit verbracht und kann das deswegen so gut. Gee-Shok, der mich damals zum Freestylen motiviert hat, meinte 1998: ‚du bist jetz schon so krass, wenn du irgendwas erzählst, stell dir mal vor, du könntest das rappen…….‘

Hm, überlegen wir mal – wo und wann wäre der perfekte Ort, um deiner Musik zu lauschen? Gibt es eine bestimmte Atmosphäre, die du transportierst und weitergeben möchtest?

Atmosphäre…eine Mischung aus Lagerfeuer, auf der Partyyacht, in der Wüste – kurz vorm Verdursten,…..oder auf einem Berg mit drei Yaks und 2 Sherpas in einem Blizzard ohne Sauerstoff im Zelt kurz vom Höhenkoller….oder im Heissluftballon voller Dynamit über der Arktis ohne Gas im Brenner kurz bevor der Arsch auf Grundeis geht…….Mal ganz im Ernst….Das, was ich mach, ist sehr persönlich. Ich zeig etwas von mir, seien es Sehnsüchte, Hoffnungen, Träume oder verrückte Gedankengänge und Gedankenspiele, Fehler im Menschsein und Auswege aus Teufelskreisen, Sinnsuche , verlorene Liebe, wiedergefundenes Glück und nehm die Leute dabei auf eine Art mit, was unsere Schnittstellen betrifft, gäbe es da rhetorische Tricks………doch ich vertrau da auf mich. Allerdings empfinde ich mich selbst oft als zu saftig und schwerverdaulich. Ich will gern wieder weg von diesem selbstbemitleidenden „Armen-Ich“, zurück zu dem „Hässlichen“ Alleszerstörer.

 

 

Oh, mein Backofen hat geläutet. Die Pizza ist fertig. Gibt es noch was Weltbewegendes, das du uns enthüllen kannst? Verrätst du uns, was wir zukünftig von dir erwarten dürfen?

Ich bin weiter eingebunden in mein Studium, habe aber neben Workshops mit der Jugendgerichthilfe Oldenburg weitere kleine Dinge geplant. Eine etwas grössere Sache ist das grade anstehende Projekt. Between the Beatz ist eine Veranstaltungsreihe in der regionale und überregionale Künstler die Möglichkeit kriegen, das Oldenburger Nachtleben etwas zu bereichern.
Dann schraub ich seit 10 Jahren an meinem ersten Album…………wer weiss ob ich es dies Jahr schaffe. Theoretisch sollte ich alle alten Dinger sowieso verwerfen und neu machen….. Dann ist da noch so eine kleine akkustische Überraschung in der Zauberkiste. Das OhneSinnPhonyOrchester ist auch weiterhin ein Projekt das Vorrangetrieben wird. Mein DJ Mfunk, der übrigens ein grossartiger und sehr geduldiger Produzent ist, wird mit mir unser Liveset weiter ausbauen und grossartige Beatz beisteuern. Arm&Hässlich Crew ist weiterhin aktiv und es darf sich auf kommende Projekte von Tzunamiak und Borilla gefreut werden. Kunta-Shytooth steht wie immer mit kritischen Blick bereit, uns auf die Finger zu hauen, mitten im Raum. Ich habe noch einige weitere Eisen im Feuer, aber man soll ja nich so übereifrig über ungelegte Eier reden. Sobald was grösseres ansteht, erfahrt ihr zuerst davon.

Danke Boran für diese vielseitigen und ehrlichen Aussagen. Wer also mal im Raum Niedersachsen unterwegs ist, sollte dringend in Oldenburg Zwischenstopp machen, um die städtische Hip Hop-Szene zu entdecken.

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Kontakt:

Boran: soundcloud/facebook

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