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Nils Waldow – Ich sehe was, das du nicht siehst [Interview]

von kokee am 10 Aug. 2012 in Allgemein|Arts|Interviews|Photos|Tourdates
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Ich fotografiere etwas, das du nicht siehst und das ist schön? Nein, aber dafür außergewöhnlich. Wie oft hast du schon Dinge gesehen, aber deine Kamera nicht dabei gehabt? Macht nichts, ich habe meine Kamera immer dabei!

… Schreibt der Hamburger Fotograf Nils Waldow in der Einladung zu seiner morgen startenden Ausstellung im Kunst KiOsk/Hamburg ziemlich treffend. Er hält Augenblicke fest die Anderen oft einfach entgehen: Das Außergewöhnliche, positiv sowie negativ, unsichtbar geworden im Alltag, weil überlagert von all den Sinnesreizen, denen wir täglich ausgeliefert sind. Waldow eröffnet durch seine Bilder einen Blick auf Situationen, die im Betrachter kontroverse Gefühle auslösen…Welche dann auch schon mal in Gefühlsausbrüchen enden.

Nachdem ich einige von Nils Waldows Fotografien sah (siehe Opener), die meine Reaktionsspanne von Wie krass über Ha, cool bis hin zu Oh mein Gott, wie heftig, das geht ja gar nicht! ausschlagen ließen, beschloss ich, den Fotografen am Besten selbst zu Wort kommen zu lassen.

Moin Moin, Nils. Wie bist du eigentlich zur Fotografie gekommen, du bist kein gelernter Fotograf, sagtest du?

Als ich vor ein paar Jahren auf dem Weg war, um meine damalige Freundin abzuholen, habe ich am Straßenrand eine Taube gesehen, die Totenwache neben einer verendeten Taube hielt. Ich hatte natürlich keine Kamera dabei und Handys mit vernünftiger Kamera gab es auch noch nicht. Da mich dieses Bild so berührte und ich keine Möglichkeit hatte, dieses Erlebnis auch anderen Menschen zugänglich zu machen, beschloss ich eine kleine, relativ einfache Digitalkamera zu kaufen.

Meine Liebe zur Fotografie wurde ungefähr zur gleichen Zeit auch noch durch Carmen Oberst entfacht. Wir hatten während des Sozialpädagogik-Studiums die Möglichkeit einen Kurs namens Fotografie und Entwicklung zu besuchen. Dort hat sie mich mit ihrer Begeisterung für die Fotografie angesteckt. Es sind also zwei Dinge, die mich dazu gebracht haben immer eine Kamera dabei zu haben, damit ich Momente oder Menschen fotografieren kann, die Motive bieten, die etwas transportieren.

Welche Motive transportieren denn etwas für dich ? Was hältst du bildlich fest und warum?

Ich fotografiere Dinge, Menschen, etc., die Gefühle im Betrachter auslösen. Als Beispiel: Der Inder im Hemd, auf dem die brennenden Zwillingstürme von 9/11 abgebildet sind (siehe folgendes Bild). Dieses Foto hat auf Ausstellungen oder auch hier im Internet eine dermaßen große Bandbreite an Gefühlsausbrüchen bei den Betrachtern ausgelöst. Vom Kopfschütteln mit angeekeltem Blick und Unverständnis bis hin zu lautem Lachen.

Wichtig ist mir aber auch oft ein sozialkritischer Bezug. Dem Betrachter soll quasi ein Spiegel vorgehalten werden. Damit er sich mit seinen eigenen Einstellungen und Gefühlen auseinandersetzt. Nichts finde ich langweiliger, als super komponierte Fotos, die aber nur Belangloses abbilden.

Ja, ich muss sagen, das vor allem das eben erwähnte Bild auch in mir eine heftige Reaktion auslöste. Ich war wirklich sehr entsetzt darüber, das jemand den Tod hunderter Menschen als Modedruck am Körper spazieren trägt. Hast du dich mit dem Mann darüber unterhalten können und wo bist du auf ihn getroffen?

Den Mann habe ich in Kumily/Indien im Bundesstaat Kerala gesehen. Nein, ich konnte mich nicht mit ihm unterhalten, da er meine Sprache nicht verstand. Da erdreistet sich ein Mann und trägt das Leiden einer ganzen Nation auf der Brust. Dazu lächelt er auch nicht in die Kamera. Gerade dieses Nichtwissen, warum dieser Mann das Hemd trägt, führte zu wilden Spekulationen.

Ich habe mitbekommen, das du einigen Ärger durch dieses Foto hattest. Was war da los?

Das Bild wurde hundertfach ohne meine Einwilligung in diversen Blogs verwendet und in teils sehr fragwürdigen Kontexten gepostet, z.B. in einem Artikel gegen den islamischen Glauben. So was kotzt mich an! Ich bin gegen Faschismus, etc.!

Ein anderes Foto von dir, das ich sehr aussagekräftig fand, ist der Obdachlose am berühmten Ballermann-Strand auf Mallorca (siehe folgendes Bild).

Das Bild zeigt für mich halt einen Menschen, der genau das macht, was alle anderen dort auch tun – nämlich sich vollaufen lassen. Er wird sicherlich öfter Opfer von dummen Anmachen, Pöbeleien etc. und er guckt halt auch so verloren in den Himmel, als ob dort die Antwort liegen würde…Und im Hintergrund sind die braven Deutschen am baden und sich sonnen. Gleichzeitig zeigt das Bild aber auch einen gescheiterten Traum…Vielleicht.

Die Ironie ist perfekt.

Genau das meine ich. Vor allen Dingen: Der Ballermann, das Paradies und Glück des kleinen Mannes…

Wobei dein Foto dann ja sehr deutlich den gewaltigen Unterschied zwischen dem zeigt, was man allgemein unter dem kleinen Mann versteht und was in der Realität der kleine Mann zu sein bedeutet. Denn dem geht es ja sichtlich gut im Unterschied zu dem obdachlosen Protagonisten deines Bildes. Gibt es etwas, das du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Die Welt ist nicht so, wie in den Soap Operas oder in Werbebroschüren. Sie ist vielschichtiger und es lohnt immer ein zweites Mal hinzusehen. Aber das klingt schon wieder sehr pädagogisch. Ich möchte halt Leuten den Spiegel vorhalten.

Ab morgen, dem 11. August bis zum 6. September 2012 habt ihr die Möglichkeit, Nils Waldows Fotografien in seiner Ausstellung Urbane Realitäten, Focus Mensch II anzusehen und auch zu kaufen. Die Ausstellung beginnt um 18 Uhr im Kunst KiOsk, Paul-Roosenstraße 5, 22767 Hamburg/St.Pauli. Hier geht´s zu den Vernissage-Infos. Mehr von seinen Bildern, findet ihr entweder in seinem Straßenfotografie-Blog oder auf seiner Facebook-Page.

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