WildstyleMag.com

Der schmale Grat zwischen Unterhaltung und Coolness-Diktat – Roche und Böhmermann

von kokee am 16 Jul. 2012 in Allgemein|Gesellschaft|Interviews|Skepsis|Videos
| Powered by Wild Style Shop!

Eine Talkshow ganz im Stil des frühen Fernsehens, nur neu gemacht. Mit diesen Worten wirbt der TV-Sender ZDFkultur für die seit Anfang März 2012 laufende Talk-Sendung, Roche und Böhmermann. Das was man in der Sendung zu sehen bekommt, gleicht jedoch eher Anarchie im Oldschool-Ambiente. Konfuse Unterhaltung oder geistreiche Satire?

Die meisten Gäste, der von Charlotte Roche und Jan Böhmermann moderierten Retro-Talkshow, sind nicht uninteressant. Nachdem die Moderatoren zu Beginn der Sendung jeden Einzelnen kurz vorgestellt haben, erwartet der noch nicht mit dem Sendeformat vertraute Zuschauer, ausführlichere Infos über die am Tisch versammelten Protagonisten aus Musik, Kultur und Politik zu erfahren… Und wird, was das angeht, weitestgehend enttäuscht.

Denn um bei Roche und Böhmermann zu Wort zu kommen, mehr als etwa fünf  Sätze beenden zu dürfen, oder überhaupt ernst genommen zu werden, gehört mehr als nur Gast zu sein und einen fähigen Moderator plus intelligente Fragestellungen zu erwarten. Hier muss der Interviewte sich oftmals regelrecht Gehör verschaffen. So verliert sich beinahe jeder ernstzunehmende Gesprächsansatz meist schon nach wenigen Sekunden gleich wieder in Chaos, krampfhaftem Coolness-Diktat, oder wird durch das lautstarke Geltungsbedürfnis anderer Anwesender zerstört.

Was sich in beinahe jeder Sendung wiederholt, sind postpubertäre Einwürfe, wie die von Lena Meyer-Landrut, verwirrende, nicht enden wollende Erklärungsversuche diverser politischer Aktivisten, weshalb sie für was demonstrieren gehen oder Spenden sammeln, und den Originalton übertönende, nachträglich von den zwei Moderatoren eingesprochene Dialoge, sobald einer der Gäste endlich einmal etwas Hörenswertes von sich gibt.

Manch ein Gast verweigert des Öfteren auch einfach die Teilnahme an den größtenteils sinnfreien Dialogen. So kann man den Rapper Dendemann fast die gesamte Sendezeit über schweigend am Tisch sitzen sehen, während Jan Böhmermann damit beschäftigt ist, sich eine Viagra einzuwerfen, die Folgen der Pille alle paar Minuten verbal zu dokumentieren und nebenbei mit Ex-Moderations-Kollege Klaas Heufer-Umlauf über dessen aktuellen Mitmoderator ablästert. Die einzigen Elemente dieser Sendung, die wirklich etwas mit Talkrunden des frühen Fernsehens gemeinsam haben, sind die Mikrofone, Namensschilder, der Tisch an dem alle relativ dicht gedrängt sitzen, und das während der Sendezeit geraucht und Alkohol konsumiert werden darf.

Ansonsten erinnert mich das Ganze eher an einen Versuch zweier alternder Moderatoren, nebst kulturellem Fernsehsender, mit möglichst vielen Schimpfworten und Strukturlosigkeit die jüngere Zuschauer-Generation ansprechen zu wollen, um auf dem Weg mehr Einschaltquoten zu erreichen. Jemand der Charlotte Roche und Jan Böhmermann bereits aus früheren Tv- und Radioformaten kennt, und weiß das die beiden eigentlich sehr fähige Moderatoren, Satiriker und Interviewpartner sind, wird wahrscheinlich enttäuscht sein.

Was man der Sendung allerdings lassen muss, ist ihr Witz. Die Einspieler, in denen jeder Gast noch einmal persönlich kurz vorgestellt wird, sind wunderbar sarkastisch und oft etwas fies. Auch das Chaos dieser Talkshow kann durchaus amüsant sein, solange man keine anspruchsvolle Unterhaltung erwartet. Abwechslungsreich und lustig ist Roche und Böhmermann allemal. Wegschalten tut man jedenfalls nicht so schnell, denn es reizt einen zu sehen, ob sich nicht doch noch etwas halbwegs Intelligentes in die 60 Minuten Sendezeit einschleicht, oder irgendwer ausrastet.

Falls ihr neugierig geworden seid, macht euch selbst ein Bild. Einige Folgen von Roche und Böhmermann könnt ihr hier in der ZDFmediathek anschauen. Oder immer Sonntags um 22 Uhr auf  ZDFkultur. Viel Spaß.

 

 

 

Das könnte Dir auch gefallen...

Autoren

Archive

GRAFFITI: HALL OF FAME @ WILDSTYLE SHOP


Exklusiv-Gewinnspiele für Freunde!

WildstyleMag.com on Facebook