WildstyleMag.com

Niko Hüls – Die Rückkehr der Backspin [Interview]

von Adam am 30 Jun. 2010 in Exclusive Interviews
| Powered by Wild Style Shop!

Nach einjähriger Auszeit steht das Comeback der Backspin unmittelbar bevor. Sechzehn Jahre nach seinem Einstand startet das Heft neu durch  – und kehrt womöglich zu den eigenen Wurzeln zurück: vierteljährliche Erscheinungsweise, zeitlose Themen, alle Elemente im Fokus. Nachfolger von Dennis Kraus als Chefredakteur wurde Niko Hüls, dem wir anlässlich des Comebacks einige Fragen stellten.

WildstyleMag.com: Die Auszeit dauerte jetzt ein Jahr. Stand es mal zur Debatte das Heft ganz einzustellen?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Es war ja auch bis vor der Pause und sogar darüber hinaus immer der Kampf und Wille da, das Magazin fortzuführen. Allerdings war es Frank Petering und Bodo Falk (den „alten“ Inhabern) nicht mehr möglich, so weiterzumachen. Dass es am Ende ein Jahr gedauert hat, bis die neue Ausgabe am Kiosk liegen konnte, ist durch die Vertragsverhandlungen zu erklären. Es mussten unzählige Kleinigkeiten beachtet werden. Aber nun haben wir es geschafft, die neue Inhaberschaft steht, und damit hat das Magazin auch eine neue Zukunft.

WildstyleMag.com: Auch das Kioskgeschäft geht weiter. Ist das Risiko in dem Bereich mit Retouren im Musikvertrieb vergleichbar?

Nur bedingt. Natürlich kann das auch für ein Magazin problematisch werden, allerdings bietet die Vermarktung im Vorwege ja die Möglichkeit, das Risiko zu minimieren.

WildstyleMag.com: Aktualität soll zukünftig online stattfinden, die Themen im Heft langlebiger werden. Gleichzeitig werden die Graffiti- und DJ-Bereiche ausgebaut und B-Boying bekommt seinen festen Platz. Das ist ein deutliches Bekenntnis zu einer älteren Leserschaft, oder?

Grundsätzlich: Ja. Umfragen auf der Website, gepaart mit den Erfahrungswerten des Magazins, haben gezeigt, dass es für die BACKSPIN nicht das Ziel sein kann, sich in den Kampf um die Teenies zu begeben, denen oftmals BACKSPIN noch nicht einmal ein Begriff ist. Das Magazin stellt seit jeher einen gewissen Wert, eine feste Größe für die Szene da. Aber natürlich sind wir mit unserer Leserschaft auch erwachsener geworden. Und, jeder von uns hat in seinem Freundeskreis die Leute, die immer gerne mit den „Ich-bin-zu-alt-für-Hip-Hop“-Reden kommen.

Diese Fakten haben die Neuausrichtung des Magazins entscheidend geprägt. Wir wollen das Magazin für den Hip-Hop-Fan sein, der mehr will als die releaseterminbezogene Berichterstattung oder die über den neuesten „Beef“. Wir wollen Geschichten erzählen. Von Typen und aus deren Leben. Das kann gerne der Superstar sein, aber auch mal die gescheiterte Existenz. Und wir wollen Leute erreichen, die verstehen, dass eine gedruckte Seite Papier in einem Heft einen monetären Wert hat – mehr als eine HTML-Seite auf einer Website.

Darum ist es unsere Aufgabe, eben diese Seite mit dem Inhalt zu füllen, den sich die Leser halt nicht gerne Online anschauen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass wir keine 16jährigen Leser wollen, im Gegenteil. Wir wollen Leser erreichen, die dieses Gefühl lieben, ein Magazin in der Hand zu halten und den Aufwand dahinter zu schätzen wissen. Da spielt das Alter keine Rolle.

WildstyleMag.com: Trotzdem ist der Fokus auf HipHop im ursprünglichen Sinne eine Überzeugungstat. Die Realität sieht anders aus.

So würde ich es nicht bezeichnen. Sicher gibt es dieses Vier-Elemente-Ding vornehmlich nur noch als Wunschbild der Noskalgiker, aber wir wollen mit der Neuausrichtung ja auch nicht die „Früher-war-alles-besser-Keule“ schwingen. Wie schon erwähnt: Alle werden älter, erwachsen. Aber bei den meisten, die damals auf den Jams den Elemente-Flash hatten, ist heute ja nicht weniger Liebe für ihre Seite von Hip-Hop vorhanden. Oftmals passt nur das Gesamtpaket nicht oder man „fühlt sich zu alt“. Und da soll das BACKSPIN Mag ins Spiel kommen. Keine Nostalgie-Broschüre, sondern ein Magazin, das über Tellerränder schaut. Es geht um die Kunst.

WildstyleMag.com: Die IVW-Zahlen deutscher Musikmagazine zeigen keinen eindeutigen Abwärtstrend, viele halten Abo-Zahlen und Verkäufe, manche verlieren, andere bauen sie aus. Wird es Print noch lange geben?

Natürlich wird die digitale Entwicklung irgendwann die Grundsatzfrage aufwerfen, ob Papier für Magazine noch sinnvoll ist. Das iPad hat da mit Sicherheit etwas losgetreten, was nicht mehr aufzuhalten sein wird. Vielleicht werden schon in naher Zukunft  die meisten Leser digital ihr Magazin konsumieren. Aber hinter den Begriff „Print“ steht ja noch ein wenig mehr als einfach nur eine Seite zu bedrucken. Es geht um die intensive Aufbereitung von Themen. Um Storys und Interviews, die man nicht überall zu lesen bekommt. Und es geht um starke grafische Layouts  – am besten noch gepaart mit großen und ausdrucksstarken Bildern.

Dies ist im Übrigen für mich eines der Stärksten Argumente für Printartikel: Ein gedrucktes Foto auf einer Doppelseite ist unschlagbar. Darüber hinaus muss man bei Printerzeugnissen auch noch unterscheiden, ob es Massenmarkt-Medien oder Special-Interest-Titel sind. Und bei einer richtigen Positionierung bin ich mir sicher, dass es Titel, die nur ein bestimmtes Marktsegment belegen, leichter haben werden zu überleben. Und wir wollen mit der BACKSPIN unseren Platz in der Szene fundamentieren und unsere treuen Leser mit der Neuausrichtung davon überzeugen.

WildstyleMag.com: Ohne Anzeigen ist ein klassisches Magazin allerdings nicht finanzierbar. Dieser Markt dürfte in den letzten Jahren mit am meisten Kopfschmerzen bereitet haben.

Es ist schon sehr extrem, wie sich dieser Markt entwickelt hat. Ich sehe es da aber ähnlich, wie mit der gesamten Hip-Hop-Szene. Eine gut laufende Industrie, im übersichtlichen Maße, wurde überschwemmt von Unternehmen, die im immer noch übersichtlichen Markt ihr Kuchenstück abhaben wollten. Dies hat logischerweise zur Überhitzung geführt, und das wiederum zum Umdenken bei den Unternehmen. Leider wird nur oft am falschen Ende gespart.

Werbung ist für jedes Unternehmen, das am freien Markt aktiv ist, unverzichtbar. Darum sollte auch immer dieser Punkt in den Budgets verankert sein. Trotz aller Kritikpunkte am Printmagazin im Generellen hat eine gedruckte Anzeige immer noch einen extrem hohen Erkennungswert.  Zudem gibt es Erkenntnisse darüber, dass gerade das Werben in Special-Interest-Magazinen einen hohen Wert hat, weil man dort direkt an die gewünschte Zielgruppe kommt und eine bessere Quote hat, als durch Streubuchungen bei Massenmedien. Aber, um mal den „Vortrag“ abzubrechen:

Ein Teil der Neuausrichtung des BACKSPIN Mags ist es, dass wir etwas neu aufbauen wollen. Dabei war es besonders wichtig, keine Existenzen an den Titel zu hängen, oder sonstige Abhängigkeiten zu schaffen. Es soll einfach wieder ein Hip-Hop-Magazin entstehen, das sich von den anderen Medien abhebt. Und dazu gehört natürlich auch, dass man Partner findet, mit denen man den Weg gemeinsam geht, denn das ist auch klar: Ohne diese Partner könnte es bald keinen Printtitel mehr geben.

WildstyleMag.com: Was genau ist unter Titel-Existenzen und Abhängigkeiten zu verstehen? In Zahlen ist es doch ein gewaltiger Unterschied, ob man Kanye West oder die Boot Camp Clikk vorne raufnimmt.

Wer glaubt, dass es im Heft-Verkauf einen großen Unterschied macht, ob man Kanye oder die Boot Camp Clik auf dem Cover hat, der irrt. In den vergangenen Jahren gab es nur einmal das Phänomen, dass eine Ausgabe sich deutlich besser verkauft hat als die anderen. Das war das Heft, auf dem Bushido mit Chakuza und Kay One war. Da gab es einen deutlichen Zuwachs. Ansonsten hat die BACKSPIN sich am Kiosk stets recht stabil verkauft.

Trotzdem wurde in den letzten Jahren natürlich die Wahl der Titelgeschichte oft von der Frage beeinflusst, wer gerade ein großes Thema ist und wer so zusätzliche Erst-Käufer, gerade bei den Kids, anlocken könnte. Davon nehmen wir mit der Neuausrichtung Abstand. Unser erstes Cover ziert ja auch kein aktuell gehypter Rapper, sondern ein Zitat, das wir zu einem Statement machen. Und auch für zukünftige Ausgaben möchte ich nicht ausschließen, dass wir auf Berühmtheiten auf dem Cover verzichten. Gerade Rap ist so schnelllebig. Dazu gibt es oft große Diskrepanzen zwischen dem Hype im Netz und dem Abschneiden in der analogen Welt – wenig Konzertbesucher, wenig verkaufte Tonträger, wenig Buchungen hier, siebenstellige Klickzahlen bei Youtube dort.

Daher muss nicht immer der aktuell gehypte Künstler auf unserer Titelseite sein. Dafür gibt es andere Hefte. Wir wünschen uns für die Zukunft von unseren Lesern, dass sie das Heft kaufen, weil es die BACKSPIN ist und ihnen das Qualitätsmerkmal reicht. Weil sie wissen, da kriegen sie spannende, interessante aber dennoch unaufgeregte Interviews und Geschichten. Sicherlich wird dieser Weg nicht einfach sein. Doch nach unserer Philosophie ist das Titelbild mit einem kurzfristig gehypten Künstler kurzweiliger als ein bloßes Statement wie das auf der #103.

WildstyleMag.com: Spielen Tablet-Computer, Mobile Optimization und Bezahl-Apps in zukünftigen Überlegungen eine Rolle?

Wie schon gesagt: Das iPad hat da etwas losgetreten. Und wir laufen auch nicht mit Scheuklappen herum. Natürlich gibt es bereits Pläne und Ziele, auch in diesem Bereich zeitnah vertreten zu sein. Den ersten Schritt wird dazu die neue Website machen: BACKSPIN Online soll noch im dritten Quartal einen vollkommenen Relaunch bekommen. Nachdem wir bei einem Hackangriff viele der Daten verloren haben, kommt es auch hier einem Neuanfang gleich, den wir gleich nutzen wollen. Dort werden dann bereits viele Eckpfeiler gestellt sein, um BACKSPIN für die Zukunft aufzustellen.

WildstyleMag.com: Morgen erscheint die zuletzt nicht mehr gedruckte Ausgabe 103. Was erwartet den Leser zum Neustart?

Die Ausgabe 103, die am 01.07 am Kiosk liegt, ist definitiv nicht die Ausgabe, die damals nicht gedruckt wurde. Allein das Interview mit Junior von Wanted aus Frankreich sowie die Rap-History-Seite waren damals für die nicht erschienene Ausgabe gedacht und gemacht worden. Die wurden nun aber auch noch mal überarbeitet. Alle anderen Inhalte, jeder Text, jedes Interview, jedes Foto – alles neu. Neben Junior gibt es beispielsweise ein 50-Fragen-an-Jan-Delay-Interview. Diese Rubrik führen wir seit geraumer Zeit auf backspin.de und haben die nun mit einem Hochkaräter ins Heft transportiert.

Zudem gibt es einen Artikel über Marteria zu lesen, der uns sehr tiefe Einblicke in den Wahnsinn gegeben hat, in dem sein Album entstand. Oder ein großes Labelportrait über das Label Strange Music,  das auf dem Independent-Sektor der USA gerade kräftig abräumt. Nicht zu vergessen neue Rubriken wie „Hut ab!“ oder „Wie war das noch mal?“. Kurz um: Der Weg zum Kiosk lohnt sich.

Verlosung: Wer die neue Ausgabe der BACKSPIN gewinnen möchte, sollte dranbleiben. Am Freitag startet die nächste Runde unseres WM-Tippspiels auf facebook.com/WildstyleMagazine. 3 Exemplare des neuen Hefts liegen dann im Jackpot.
.

Das könnte Dir auch gefallen...

Autoren

Archive

GRAFFITI: HALL OF FAME @ WILDSTYLE SHOP


Exklusiv-Gewinnspiele für Freunde!

WildstyleMag.com on Facebook