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7inch – „Beats müssen Emotionen wecken!“

von Mareen Wordoff am 01 Sep. 2009 in Interviews
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17/250 – Gesichter deutscher Rap-Kultur: Momentan überkommt mich das leichte Gefühl, die Welt wartet sehnsüchtig auf die Veröffentlichung eines neuen musikalischen Meisterwerks. Ausgetrocknet von den dürftig genialen Releasen der letzten Monate und hungrig nach dem Album des Jahres, hängen wir uns an jeden einzelnen Schnipsel, der momentan aus Richtung Amerika kommt: Fette Feature-Vorabsongs, legendäre Interviews und Statements, coole Videos und Commercials. Alles wird hart diskutiert und begutachtet. Hater sowie Fans stehen in den Startlöchern, um das Wunder des Jahres zu bestaunen: Jay-Z’s elftes Studioalbum mit Namen Blueprint 3. Nun wurde sein Baby gestern Abend für rund 12 Stunden, im Netz zum mehr oder weniger illegalen Download freigegeben und jeder, der das Album seitdem besitzt, hat heute ein wundervolles Gesprächsthema mehr.

Betrachtet man diese Aktion aus strategischer Sicht, ist das wohl die beste Promotion, die ein Künstler braucht, um pressetechnisch sein Album ganz oben in den Medien zu halten, damit es sich in wenigen Tagen Millionen Mal verkauft. Versteht man ein bisschen was von Marketing, dann weiß man auch, welches Spiel man hier mit uns spielt. Die Waffe des gewieften Promoteams um Jigga ist WOM – World of Mouth Marketing. In Amerika schwört man ja schon lange auf die Verbreitung von Mund zu Mund bei Produktneuheiten. Ich jedenfalls habe heute schon mit sieben Leuten über Blueprint 3 gesprochen, zehn Tweets versenden und auf Facebook fünf Statusmeldungen zu Hova verbreitet. Mission erfolgreich!

Zurück in Deutschland und angekommen am Boden der Realität, backen wir jetzt mal wieder ein paar kleinere, aber nicht weniger gut schmeckende, Brötchen: Ich traf mich vor kurzem mit dem Produzenten 7inch, der in Berlin ja kein unbekannter ist und sprach mit ihm über: Vitamine und Talent, Finanzen im Musikgeschäft und ob man Geschäftliches und Freundschaft wirklich miteinander trennen kann.

WildstyleMag.com: Wie viel Vitamin B und wie viel Talent benötigt man heute hierzulande um im Musikbusiness erfolgreich zu sein?

7inch: Ich denke, dass man als Rapper in der heutigen Zeit sehr viel Talent braucht, um sich als Newcomer Gehör zu verschaffen. Die großen Image und Klischee Plätze sind bereits seit Jahren besetzt. Man kann sich nur durch Skills und hartes Durchhaltevermögen einen Namen machen. Als Produzent im Hip Hop ist es da schon etwas anders. Wenn du einen halbwegs guten Sound zustande bekommst und dazu noch ein Studio besitzt, kannst du dir sicher sein, dass dir die Rapper die Bude einrennen. Leider gibt es aber auch viele Produzenten, die miese Beats abliefern, aber trotzdem ein hohen Output an Releasen haben. Das mag daran liegen, dass viele Rapper einfach nur schnell ihre Texte einrappen wollen und den Rest soll dann der Produzent machen. Der musikalische Aspekt wird meistens dabei nicht so als wichtig wahrgenommen. Was oft fehlt ist ein Austausch zwischen Künstler und Produzent.

Ich vermisse die Bandgeschichten, wo eine Gruppe ein ganzes Album mit ihrem eigenen Produzenten rausbrachte, wie damals EinsZwo oder Freundeskreis. Zum Thema Vitamin B: Das ist wohl in jedem Lebensbereich von Vorteil. Ich habe es zum Glück nicht nötig, Künstlern wegen Beats hinterherlaufen zu müssen, da wir von Hustle Heart uns im Laufe der Jahre einen Namen durch große Produktionen erarbeitet haben. Mir ist es wichtig, dass die Künstler für die ich produziere, wissen, dass ich für Qualität und Zuverlässigkeit stehe.

WildstyleMag.com: Mal ehrlich: Wie schwierig ist es heutzutage für Musikproduzenten im deutschen Hip Hop Geld zu verdienen?

7inch: Ganz ehrlich, der Kuchen ist über die Jahre immer kleiner geworden. Dazu kommen immer mehr hungrige Bäuche, die satt werden wollen. Ich persönlich empfinde es als ein großes Glück, nach wie vor in diesem Spiel mitmischen zu können. Ich kenne viele talentierte Musiker, die über die Jahre mit dem Musikmachen aufgehört haben, um sich einem richtigen Job zuzuwenden. Es ist jedoch nach wie vor möglich auch in Deutschland mit dem Produzieren Geld zu verdienen.

Es ist eine Art von Kunst sich musikalisch ausdrücken zu können. Mit dieser Kunst möchte ich Gefühle in den Hörern wecken. Wenn ein Künstler zum Beispiel etwas von mir hört, dann möchte ich, dass er sofort anfängt zu schreiben, weil er so inspiriert ist. Der richtige Beat und der richtige Text funktionieren am Ende wie eine Symbiose. Ich stecke also wirklich mein Herzblut in die Musik und demnach ist es auch völlig legitim, dafür am Ende Geld zu verlangen. Zu verschenken haben wir ja heute alle nichts mehr.

WildstyleMag.com: Du kennst den Unterschied in der Öffentlichkeit als Rapper und als Produzent präsent zu sein. Was gefällt dir besser?

7inch: Ja, was viele heute nicht mehr wissen, ich habe bis vor ein paar Jahren ja selber noch ins Mikro gespuckt. Als Rapper braucht man den Drang nach medialer Aufmerksamkeit, ansonsten kann man in diesem Haifischbecken nicht bestehen. Dies war auch der Grund für mich, warum ich das Mikro an den Nagel gehängt habe und mich nur noch auf das Produzieren konzentriert habe. Ich genieße es im Hintergrund zu bleiben, um mir so am medialen Dauerfeuer nicht die Finger verbrennen zu müssen.

Ich möchte nicht für ein aufgesetztes Image bekannt sein, sondern für gute Musik stehen und auch so von den Fans wahrgenommen werden. Klar freut es mich, wenn Produzenten mehr Aufmerksamkeit erhalten und das öffentliche Interesse an deren Werdegang steigt, nur ist es meistens einfach unterhaltsamer, wenn sich wieder mal Rapper A mit Rapper B die Köpfe einschlägt und Beef starten. Mir gefällt das Seite-Zwei-Leben als Produzent schon ganz gut. Und eins ist doch klar: Ohne Beat, kein Lied!

WildstyleMag.com: Wie behältst du die Balance zwischen Künstlern und dir in Bezug auf das Geschäftliche und der Freundschaft? Im Hip Hop spricht man ja oft vom Homie-Business.

7inch: Das war früher immer sehr schwierig für mich, da ich ein Mensch bin der sehr schnell anderen Menschen für ihre Eigenarten feiern kann. Es ist schon sehr oft vorgekommen, dass aus einer Zusammenarbeit eine echte Freundschaft entstanden ist. Casper zum Beispiel wurde mir damals von Shuko vorgestellt. Das war vor seinem Hype als ihn noch nicht so viele kannten. Ich feiere ihn als Menschen, aber auch für seine musikalische Präsenz. Zurzeit arbeiten wir beide daran ein paar Hits auf seinem neuen Album zu platzieren. Dennoch gibt es auch unzählige Kollabos, mit denen ich nicht mehr zu tun habe als Email-Kontakt. So läuft das eben, wenn man sich um viele Releases kümmert und ein hohes Maß an gutem Output realisieren will. Es ist aber eine Sache der Professionalität und der Erfahrung, Geschäft und Freundschaft, vor allem bei Geldfragen, zu trennen. Wie gesagt, früher fiel mir das sehr schwer, aber mittlerweile wissen die Leute selber das Qualität seinen Preis hat.

WildstyleMag.com: Du bist gebürtiger Berliner. Beschreib doch mal, die Rapkultur in Berlin vor 10 Jahren und was sich bis heute verändert hat?

7inch:  Als ich mit Hip Hop in Berührung gekommen bin, das war im Jahre 1998, ging das alles in Berlin sehr familiär zu. Man kam total schnell mit anderen Aktivisten ins Gespräch, da man immer die Liebe zur Musik als gemeinsamen Nenner hatte. Den Gedanken mit Rap Geld zu verdienen, gab es damals für keinen von uns. Demnach standen Spaß und kreativer Output im Vordergrund. Es lief fast alles über Mundpropaganda. Der Eine kannte jemanden der Beats machte und ein Studio hatte, der andere brachte einen befreundeten Rapper mit und so weiter. Es gab eine riesige Vielfalt und ein hohes Maß an Respekt und Toleranz untereinander, weil alle den selben Weg verfolgten: Einfach nur gute Musik machen.

Es war ja auch die Ära vor dem ganzen Berlin-Hype, wo der Rest Deutschlands die Berliner Rapper überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat. Die Jungs von Aggro Berlin haben den ganzen Berlinhype dann auf den Markt gebracht. Alle Augen starrten plötzlich nur noch auf die Berliner Rapszene. Berlin hat viele Trends gesetzt, wie zum Beispiel diesen Atzenkram oder den Untergrundrap wie Royal Bunker. Ich habe im Laufe der Jahre mit vielen Berliner Rappern zusammengearbeitet, wie zum Beispiel Cobra,Taichi, Prinz Pi, Basstard oder Colos, demnach denk ich nicht, dass sich die Künstler unbedingt verändert haben, jedoch hat sich die Fanbase stark gewandelt. Es ist eine neue Generation von Hip Hop-Konsumenten entstanden, die es vor 10 Jahren natürlich so noch nicht gab.

Vielen Dank!

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