Wildstyle Magazine

Liquit Walker – “Rap ist Gift für die Seele!”

von Mareen Wordoff am 14 Apr. 2009 in Interviews
| Powered by Wild Style Shop!

29/250 – Gesichter deutscher Rap-Kultur: Aggression, Hass und Gewalt scheinen in der letzten Zeit wieder häufiger an der Tagesordnungzu sein. Egal ob man sich nun auf Rap-Konzerten die Köpfe einhaut, sich die Freiheit nimmt in eine Schule zu rennen, um wild drauf loszuballern oder seine eigenen Kinder jahrelang missbraucht und sie behandelt, als seien sie Tiere…Nach dem großen “Warum?” werde ich hier nicht fragen.

Statistiken sprechen davon, dass die Anzahl der Gewalttaten bei steigenden Temperaturen abnimmt. Soll also heißen, wenn die Natur erwacht und der Frühling sein Gesicht zeigt, fühlen wir uns alle ein wenig glücklicher, sind quasi gedopt? Ob nun Kleinkriminelle lieber auf Mallorca verweilen und somit aus der Statistik fallen oder sich auch Massenmörder, Vergewaltiger und Schlägeratzen eine Auszeit nehmen, um in den Urlaub zu fahren, bleibt wiederum auch fragwürdig. Dennoch…

Ich habe mich in Friedrichshain mit Liquit Walker – einem waschechten Berliner Untergrund-Battle-Rapper – getroffen, um mit ihm über seine Sicht der Dinge auf die deutsche Rapszene zu sprechen, aus welcher Emotion heraus ein Battle-Rapper funktioniert und vor allem um ihn zu fragen, warum Rocky Balboa sein großes Vorbild ist.

Wie stehst du zu deutschem Rap?

Liquit Walker: Rap ist für mich zweifelsohne Gift für die Seele. Deutscher Rap generell nimmt dir mehr als du gibst. Ich meine, wenn wir mal den finanziellen Aspekt beiseite schieben – wie viel Emotionen man dort hineinsteckt und was man am Ende dabei rausbekommt, steht wahrlich nicht in Relation zueinander. Wenn man sich zum Beispiel überlegt, wie lange man an einem Song arbeitet oder wie lange man braucht, um einen Beat zu bekommen, die ganzen Connections, die man aufrechterhalten muss. Dann hat auch nicht jeder einen Majordeal, wird mit dem Auto abgeholt und in ein hochkarätiges Studio gefahren.

Dieser ganze Struggle den man hat, um Musik zu machen, die halbwegs hochwertig ist, ist am Ende eigentlich gar nicht das Wert, was dabei rauskommt. Natürlich hat jeder für sich selbst sein Gleichgewicht, bei dem er sagt, mir gibt Rap persönlich etwas. Das ist mein Ventil um Alles zu vergessen. Aber im Endeffekt bekommt man oft sehr viel Hass für das was man macht. Oder man bekommt Neid von Menschen, die das nicht zu schätzen wissen. Die denken man rappe nur wegen eines Hintergrunds oder des Fames. Mein Gefühl momentan ist: Du tust unglaublich viel für diese Sache und bekommt einen Mittelfinger.

Wie erlebst du diese HipHop-Kultur momentan?

Liquit Walker: (überlegt) Viele fragen sich ja immer, ob es diese Kultur noch gibt. Aber die eigentlich Frage ist: Wie viele Menschen leben diese Kultur noch? Rein praktisch gesehen ist es ja so: Solange noch einer diese Kultur liebt, gibt es sie noch. Aber großartig verbreitet scheint sie nicht mehr zu sein. Schau mal, ich selbst kann nicht breaken, nicht scratchen, ich kann nicht malen, ich habe eine Handschrift wie ein Drittklässler. Ich habe damals mit Beatboxen angefangen, bevor ich gerappt habe. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass rappen einfach besser funktioniert, habe mich dort weiterentwickelt und schnell bemerkt, okay, im Beatboxen bist du nicht so talentiert. Heute mache ich das mit ein paar Jungs ab und zu ganz gerne, wenn irgendwo eine kleine Cypher ist, aber ansonsten bediene ich nur ein Element.

Du bist ja als Battle-Rapper bekannt geworden. In einem Battle-Rap kann es ja ordentlich zur Sache gehen. Bist du ein Mensch der viel Hass und Aggressionen in sich trägt?

Liquit Walker: Ja, ich trage schon viele Aggressionen in mir. Aber ich habe natürlich auch eine liebe Seite. (lacht) Wie wir alle wissen sind das Emotionen die einfach zusammengehören. Die Sachen, die man am meisten liebt, können eine Stunde später die sein, die man am meisten hasst. Hass ist auf jeden Fall eine sehr wertvolle Emotion, die mir in bestimmten Situationen viel Motivation und Kraft geschenkt hat, vor allem beim Songtexte schreiben. Da ich eigentlich so ein typischer Rap-Vogel bin, der wie Savas so schön gesagt hat “Auf dem Rapfilm hängen geblieben ist”, bin ich eigentlich immer sauer auf Rap, auf Rap und alles drum herum. Ich bin sauer auf die Leute, die rappen ohne dass sie Rapper sind. Ich bin sauer auf die Leute, die Rap-Musik hassen, ohne dass sie Ahnung davon haben. Ich bin sauer auf die Leute, die ständig mit dem Finger auf einen zeigen. Ich bin sauer auf Rap.

Kann Hass auch eine Art Droge sein?

Liquit Walker: Hass kann schon eine Droge sein. Wenn es dir schlecht geht, dann kannst du dich komplett auf sie einlassen und dich fallen lassen. Du hast zwar die Möglichkeit es zu unterdrücken, aber auch es komplett auszuleben. Ich kann mir schon vorstellen, dass es eine Art Sucht werden kann ein Hater zu sein und komplett einen Antifilm auf alles zu schieben. Natürlich kann man auch sagen: “Ey, chill mal und entspannt dich. Das Leben ist schön.” Aber wenn in meinem Leben alles schön wäre und Friede, Freude, Eierkuchen, dann würde ich nicht so viele Dinge hassen. Es gibt so viele Dinge auf die ich Hass habe. Und das ist nicht nur Rap. Ich habe auch Hass auf das Leben. Ich habe Hass auf Dinge, die Menschen in meinem Umfeld passieren. Hass auf Armut, Lügen und Intrigen.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen…(lacht) Auch wenn ich mich nicht so gut mit Drogen auskenne – ich glaube Hass kann man mit Amphetaminen vergleichen. Es ist eine Sache, die dich für den Moment stark macht. Du hast die Wahl: Entweder du fühlst Trauer und Leid oder du fühlst Wut, Hass und Aggression. Und letzteres fühlt sich immer noch besser an als Angst und Trauer. Und das ist der entscheidene Punkt. Mein eigenes Selbstwertgefühl verbietet es mir, dass ich in der Ecke sitze und heule. Da bin ich lieber wütend und sauer und reagiere mich in meinen Texten ab.

Du ist ein großer Rocky Balboa Fan. Was fasziniert dich an dieser Figur?

Liquit Walker: Rocky ist definitiv eine Art Vorbild für mich. Aber ich glaube, dass er das für viele Menschen ist. Er verkörpert durch seinen Weg von der Straße nach ganz oben für viele Menschen eine Vorbildfunktion. Er ist jemand, der nichts hat außer Talent und einen Traum, jemand, der für etwas sehr hart kämpft, um es zu erreichen. Rocky ist einfach ein Typ wie du und ich. Der hat ein ganz einfaches Gemüt. Er ist einfach ein Atze, der aus ganz einfachen Verhältnissen kommt, hart arbeitet und sein Ding durchzieht. Es gibt ein ganz wunderbares Zitat: “Ich werde dir jetzt etwas sagen, was du schon längst weißt…” Und was er dann sagt, dass weiß eigentlich eh schon jeder. Nur leider hat man es nicht immer klar vor Augen.

Ja, die Welt ist scheiße. Ja, die Welt ist kalt. Aber was Rocky sagen will ist, halt deinen Schädel oben. Die Welt dreht sich immer weiter. Und nur wenn du aufgibst, dann bist du ein Loser. Wenn du es versuchst und es nicht schaffst: Shit Happens!

Das könnte Dir auch gefallen...

blog comments powered by Disqus

WildstyleMag.com präsentiert…

Exklusiv-Gewinnspiele für Freunde!

WildstyleMag.com on Facebook

Folge uns auf Twitter!

Aktivitäten anderer Nutzer

Empfehlungen

Tag Cloud