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Casper – “Künstler müssen leiden!”

von Mareen Wordoff am 27 Apr. 2009 in Interviews
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27/250 – Gesichter deutscher Rap-Kultur: Wieso habe ich das Gefühl, dass bei steigenden Temperaturen fast alles, was die letzten fünf Monate so unglaublich trüb und belastend erschien, für jeden Menschen mit einmal viel wertvoller und kostbarer wird? Für viele Deutsche beginnt sich das Leben ab 15 Grad aufwärts zu einer Art Institution zu entwickeln, in der sie sich einfach genüsslich bedienen.

Denn plötzlich tummelt sich das Volk im Freien, trägt ein Lächeln auf dem sonst so ernsten Gesicht und schiebt unnötigen Alltagsballast auf die Reservebank. Großstädte wirken nicht mehr so kalt und grau. An jeder Ecke laden bunte Bänke und Tische zum gemütlichen Plausch ein und überteuerte Latte Macchiatos schmecken gleich doppelt so gut. Alles füllt sich mit Sonnenschein und wir sind mittendrin. Wir lernen das Leben wieder zu schätzen.

Ich für meinen Teil verliebe mich jedes Jahr im Frühling aufs Neue. Ich verliebe mich in das Leben. Denn gute Laune und Spaß am Leben wird einem zu dieser Jahreszeit ja förmlich hinterher geschmissen. An eben so einem sonnigen Tag traf ich Casper mitten in Kreuzberg und er erzählte mir über sein Leben als Rapper, die Augen und Münder der Öffentlichkeit und erklärte mir auf amüsante Weise, wie sich der typische Rap-Fan von heute so kleidet.

Inwiefern hat dich dein bisheriges Leben zu dem Künstler gemacht, der du heute bist?

Casper: Viele Sachen, die ich gemacht habe oder mache, arbeiten meine Kindheit auf. Wenn man mein Leben direkt mit der Vergangenheit in Verbindung bringen möchte, findet man da eine ziemlich deepe Ader. Ich habe schon relativ viel erlebt und versuche das in meinen Texten wiederzugeben. Jemand der wenig erlebt hat oder sich keine Gedanken um alles macht, wird eher Straßenrap produzieren und von dem Asphalt der brennt oder der Kugel im Lauf sprechen. Das ist nicht wirklich mein Anspruch.

Ist es wirklich so, dass man als Künstler kreativer ist, wenn man viele negative Erfahrungen im Laufe des Lebens gesammelt hat?

Casper: Menschen die eine richtig schöne Kindheit hatten, es gelernt haben sich ihren Eltern mitzuteilen, um Sachen aufzuarbeiten, haben weniger zu berichten. Da gehe ich fest von aus. Bei mir war das nicht so. Ich hatte keine starke Bindung zu meiner Familie. Ich habe Gefühle anders ausgedrückt. Ich wurde nicht halb totgeschlagen zuhause, aber man hat sich ein Stück weit eingekesselt und gelernt damit klarzukommen. Die Pflicht eines jeden Künstlers ist zu leiden, um mit seiner Kunst jemanden zu erreichen.

Natürlich gibt es auch Musik die nur unterhalten soll. Aber in vielen Momenten möchte man bestätigt und unterstützt werden. Ich glaube auch, dass Menschen, die viel durchgemacht haben, eher den Wege aus einer schwierigen Situation heraus finden würden, als jemand, der eine rosige Kindheit hatte, eine Ausbildung gemacht hat, danach vielleicht noch Fachhochschulreife und jetzt einem tollen Beruf nach geht. Was hat dieser Mensch zu erzählen?

Fällt es dir als Künstler in der Öffentlichkeit schwer viel Privates preiszugeben? Gibt es einen Punkt, an dem du sagst, die Grenze ist erreicht?

Casper: In letzter Zeit ist es wirklich auffällig, dass der Bekanntheitsgrad steigt und man einfach in komplett alltäglichen Situationen mit diesem Casper-Kram konfrontiert wird. Ich habe schon erlebt, dass ich mit einer guten Freundin im Café gesessen bin, einfach nur Kaffee trinken wollte und plötzlich Leute ankamen und das Gespräch unterbrochen haben. Früher hat man ja in der Bravo immer gelesen, dass die Künstler sagen: “Boah, das stört mich total. Ich will nur leben.” Diese Einstellung habe ich nie verstanden.

Ich erlebe diese Situationen ja nur zu einem bestimmten Teil. Eminem hat wahrscheinlich extrem seelische Schäden davon getragen. Bei mir ist es so: ich arbeite an einer ganz bekannten Bar in einer Großraumdiskothek in Bielefeld und es gab schon Leute, die extra deswegen dort hingepilgert sind und einen angesprochen haben. Das ist schon anstrengend.

Klaus Kinski hat einmal gesagt: “Ich bestimme immer noch selbst, wer mich beleidigen darf!” Wie sehr verletzt es dich, wenn Medien oder andere Menschen dich kritisieren.

Casper: Es kommt immer auf die Form der Beleidigung, die Begründung und auf die Häufigkeit an. Am Anfang war es oft so, dass die Leute gesagt haben: “Ey, der Typ ist ein Emo. Der ist bestimmt schwul.” Zu diesem Zeitpunkt hat mich das gar nicht tangiert. Mittlerweile ist das so häufig geworden, dass man einfach nur aggressiv werden könnte. Das ist einfach ein dummer Vorwurf. Dieses Gelaber von wegen “Öhh, der ist jetzt kein Banger. Der hat keine kurzen Haare, dieser Schwule.” Davon abgesehen, dass homophob zu sein schon blöd ist, ist das einfach nur ein behinderter Vorwurf und sehr engstirnig. Wenn mir jemand sagt, er mag meine Musik nicht oder mich als Menschen nicht, dann kann ich damit super leben. Es ist jedem selbst überlassen, wen er sympathisch findet oder nicht. Wenn jeder mit jedem cool wäre, dann wäre es auch langweilig. Aber so einfache und dumme Sachen, die regen mich dann schon auf.

Wenn zum Beispiel ein anderer Rapper in einem Track meine Mutter beleidigen würde, dann wäre mir das vollkommen egal und es würde mich am Arsch vorbei gehen. Ich würde mir denken: Gut, nun hast du was gegen meine Mutter gesagt, hast mich damit aber nicht getroffen. Und zum anderen fehlt mir dafür diese HipHop-Gang-Loyalitäts-Ehrgefühl-über-alle-Strenge, dass ich sagen würde “Ok, ich kenn ihn jetzt drei Minuten. Ich muss mich für ihn schlagen, weil das auf die Ehre geht. Meine Mutter über alles.” Na klar liebe ich meine Mutter über alles, unfassbar ohne Ende.

Ich habe auch noch nie verstanden, wieso Menschen so krass auf das Wort Hurensohn anspringen. Ich selbst würde nie jemanden so nennen, weil ich ja weiß, wie die Leute drauf reagieren. Aber wenn mich jemand so nennen würde, würde ich mich einfach nicht angesprochen fühlen. Ich habe halt mit diesem ganzen Straßenkram nie was zu tun gehabt und möchte damit auch nichts zu tun haben. Ich möchte da komplett raus gehalten werden, weil ich es nicht bin. Es ist oft ein wenig schockierend, wenn man merkt, dass man selbst alle Leute respektiert und schätzt, aber merkt dass nichts zurückkommt. Vielleicht sollte ich cooler werden. Wahrscheinlich wird man mehr respektiert, wenn man in einen Raum geht und niemandem “Hallo” sagt, sondern einfach alle ignoriert. (lacht)

Wenn wir mal bei Klischees und Vorurteilen bleiben. Wie sieht der typische HipHop-Fan heute aus?

Casper: Ich glaube es gibt drei Arten. Der erste ist der Jiggy-Großraum-R&B-Fabolous-Hörende mit sehr weiten Klamotten. Hosen, wo sehr viele NBA Teams drauf genäht sind, sehr langen Trikots und farblich passenden Air Force Ones sowie einer New Era-Kappe, die sehr locker auf dem fresh shaved Head sitzt. Diese Menschen reden auch sehr viel in Anglizismen. Dann gibt es noch den Straßen-Banger-Loyalitäts-Ehren-Asphalt-alles-brennt-ich-bring-alle-um-Ghetto-Typen: Hose in die Socken, Cap ganz locker auf dem Kopf und redet so “Üsch, müsch, düsch”.

Nicht zu vergessen den alternativen Typ, der grad sein Abi macht. Er trägt ganz gern mal LRG und ist relativ cool. Hat noch lange Haare, aber weite Hosen und meist etwas abgetretene Schuhe. Vielleicht hat er auch ein Dendemann, Prinz Pi oder Casper Shirt an, trägt ein Flex-Cap und hat Locken. Das kennt man, oder? (lacht) Ich will auch überhaupt nicht sagen, dass das eine schlechter ist als das andere. Aber jedes Outfit bedient einfach immer so krass das Klischee. Ich weiß gar nicht, wo ich mich da befinde. Ich bin wahrscheinlich der schwule Emo und Ritzer, der ständig depressiv ist und weint. Ganz schlimm. (lacht)

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