KAAS – “Ich lebe meine eigene Religion”
von Mareen Wordoff am 23 Mrz. 2009 in Interviews
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30/250 – Gesichter deutscher Rap-Kultur: Glauben versetzt Berge! Das dachte sich wohl auch der momentan in den Medien viel umstrittene Reutlinger Kaas, als er vor einigen Jahre noch als schüchterner Junge die Schulbank drückte und lediglich in seinen Gedanken die Bühne rockte.
Heute kennen ihn viele Menschen, ob nun durch seine Musik, oder eine der vergifteten Schlagzeilen. An etwas zu glauben, einer Religion anzugehören, kann bedeuten frei zu sein, aber auch sich unterdrückt zu fühlen, angreifbar und verletzbar zu sein. Je nachdem wie sehr man seinem Glauben vertraut und für ihn einsteht. In der Geschichte deutscher Rap-Musik spielt Religion, abgesehen vom Islamischen Glauben, eine eher untergeordnete Rolle – vergleicht man die Situation mit Amerika oder anderen Ländern. Ich frage mich warum, an was glaubt Rapdeutschland? Wir sprachen mit Kaas über seine Beziehung zur Religion, warum Genie und Wahnsinn oft so nah beieinander liegen und wie sich für ihn Erfolg anfühlt.
Spielt die polnische Kultur in deinem Leben eine Rolle?
Kaas: Nein, nicht wirklich. Ich bin ja nur bis zum vierten Lebensjahr in Polen aufgewachsen. Ich habe aber sehr oft Depressionen, weil mich Leute auf Polnisch ansprechen, ich nur die Sprache nicht beherrsche. Ich spreche nur ein paar Worte polnisch und war auch schon seit 10 oder 12 Jahren nicht mehr dort. Wir bekommen zwar ab und zu noch Besuch aus Polen, mehr aber auch nicht. Essenstechnisch kenne ich natürlich ein paar Gerichte. Pierogen mit Käse-Kartoffelfüllung oder Zurek, das ist Sauerkraut-Kartoffel-Suppe mit Wurststücken drin. Dann gibt es noch Barszcz, eine Suppe aus roter Bete. Aber das ist auch eine Ostblocksuppe. (lacht) Polnischen Rap verstehe ich von daher leider auch nicht.
Wie siehst du die Welt?
Kaas: Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Ich glaube an Jesus und an meine Welt der Liebe. Ich habe aber eigentlich wegen den ganzen Fehlinterpretationen ein Problem mit der Religion. Wie gesagt, ich glaube an Jesus und an seine Werte. Wenn man heutzutage sagt, man ist religiös, dann sagen die Leute immer gleich: “Ja, das ist aber so und das ist so”, aber auch nur, weil sie nicht wissen wofür die Religion steht. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ist dabei die höchste Regel. Und du musst dich selbst lieben, wie du deinen Nächsten liebst. Wenn dich jemand schlägt, dann halte ihm die andere Wange hin, aber schlage nie zurück. Das sind Werte die mich begleiten. Meine Lieblingsstelle in der Bibel ist die Stelle über die Liebe im Brief der Korinther. Das ist meine Hauptinspiration – diese Werte, die dort vermittelt werden.
Kennt ihr diese Stelle? Das Hohelied der Liebe wird immer auf Hochzeiten vorgetragen. “Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. (…) Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.” Dieses Kapitel ist genau meine Definition von Liebe. So verstehe ich die Liebe. Sie ist langmütig und freundlich. Die Liebe erhebt sich nicht über andere. Die Liebe duldet alles. Die Liebe verzeiht alles.
Glaubst du, dass bei vielen Künstlern egal aus welcher Richtung sie kommen, Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen?
Kaas: Ich glaube vor allem, dass verrückte Menschen näher an der Wahrheit sind als Normale. Ich glaube ganz ernsthaft, dass einige Menschen, die in Irrenanstalten sitzen, die Wahrheit in einem Zustand gesehen haben, in dem sie die Wahrheit einfach nicht mehr ernst nehmen konnten. Deswegen werden sie verrückt und können damit nicht umgehen. Es gibt zum Beispiel viele Menschen die auf Drogen hängen bleiben und dann Psychosen kriegen. Ich habe keine Beweise und ich weiß nicht, ob ich Recht habe, aber manchmal glaube ich, dass Gefühle näher an der Wahrheit sind als der Verstand allein. Vielleicht ist das auch ein Zusammenspiel.
Wenn man Drogen nimmt, dann kommt man auf eine spirituelle Ebene, für die man noch nicht bestimmt ist. Das ist wie ein Cheat in einem Computerspiel. Man kommt auf ein anderes Level, aber man kann noch nicht damit umgehen und deswegen dreht man ab und hat eine Wahrnehmung die nicht funktioniert. Ich habe auch Erlebnisse mit Drogen gehabt, wo ich nicht mehr drauf klargekommen bin. Ich bin danach sehr depressiv geworden. Aber worauf ich hinaus möchte: Ich glaube, dass unsere Realität, wie wir sie wahrnehmen, nicht die ideale Realität ist, sondern eine Vergiftete.
Das Genie schafft es, einen mitzunehmen, auf eine höhere Ebene. Und der Wahnsinn ist der, der zu früh zu weit gekommen ist und dann nicht mehr klar kommt und dann zurück auf die Ebene fällt, die er schon kennt und dann nicht durchsieht. Ich habe das auch schon bei meditativen Erlebnissen gespürt. Das waren Gefühle, die ich nur von Drogen kannte. Es ist verrückt, wie man die Zeit und den Verstand ausschalten kann und eine neue Qualität des Lebens wahrnehmen kann.
Welchen Nutzen hat die Religion für dich?
Kaas: Für mich ist Religion dazu da, um aus der krankhaften Realität zu entfliehen. Wie kann ein Christ in den Krieg gehen, wenn Jesus eindeutig sagt, liebe deinen Feind? Wenn dich jemand schlägt, halt die andere Wange hin. Punkt. Es gibt nichts mehr zu reden. Jeder Christ müsste sich eigentlich, wenn er ein richtiger Christ ist, ausrauben und verprügeln lassen. (lacht) Kennt ihr den Film “Adams Äpfel”? Es ist ein Film über einen Priester, der schwedische Häftlinge aufnimmt. Er nimmt diesen Adam auf, der ein ganz brutaler Neonnazi ist und der versucht den Glauben des Priesters zu brechen.
Da gibt es Szenen, in denen der Nazi den Priester brutal zusammenschlägt, er dann in die Küche geht und was trinkt, dann kommt der Priester hinterher und meint bloß: “Also ich fahre kurz ins Krankenhaus. Soll ich euch etwas aus der Stadt mitbringen?” Und das ist einfach nur krass. Wie Menschen es schaffen, sich nicht von etwas schlechtem anstecken zu lassen, sondern im Guten verharren, auch wenn das Schlechte einen angreift.
Wie definierst du Erfolg?
Kaas: Das ist sehr schwierig. Ich mag es wenn Leute sagen, du bin der Beste. (lacht) Nein, aber irgendwie schon. Denn das ist ein tolles Gefühl, wenn einen Leute mit großen Augen anschauen und sowas sagen. Auf meiner Tour hat mein Soundmann Marco nach dem Konzert in Wien gesagt: “Man sieht, dass du für die große Bühne geboren bist.” Wenn das von Herzen kommt, dann freut man sich. Natürlich ist aber auch Erfolg, wenn man von seiner Musik leben kann. Das wünscht sich wohl jeder Künstler.


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