WildstyleMag.com

Dr. Knarf – “Manchmal kommt leicht Hass auf”

von Mareen Wordoff am 23 Mrz. 2009 in Interviews
| Powered by Wild Style Shop!

31/250 – Gesichter deutscher Rap-Kultur: An manchen Tagen fühlt sich die Welt grau und verloren an. Man erkennt sie fast nicht mehr wieder und fragt sich: Ist das die Welt, in der ich geboren bin? Irgendwie scheint mir, als hätten wir in letzter Zeit mehr als reichlich von diesen Tage gehabt: Grau und trist im Sinne von unbeschreiblich negativen Nachrichtenmeldungen aller Art und fatalen, nicht-frühlingshaften Wettererscheinungen.

Natürlich machen wir unser eigenes Leben nicht abhängig von den Krisen dieser Welt und Dauerregen über der Stadt. Dennoch fällt uns das Leben leichter, wenn die Sonne hoch am Himmel strahlt, einem der Duft von gegrilltem Fleisch um die Nase weht, Deutschland gegen die Türkei 3:2 gewinnt und somit ins Finale einzieht. Was für ein Glücksgefühl!

Von grauen Tagen und miesen Erfahrungen im Leben, kann auch der Rapper Dr. Knarf so einiges berichten. Wenn man sich seine Biografie durchliest, begreift man, dass das Leben wirklich nicht nur aus Sonnenschein und buntem Treiben besteht. Uns hat er erzählt, wie man eine traurige Kindheit verarbeitet, dabei auf die schiefe Bahn geraten kann, aber am Ende doch den richtigen Weg findet.

Ich habe gelesen, dass du eine nicht so glückliche Kindheit hattest. Hat man dann Angst, später selber eine eigene Familie zu gründen und die gleichen Fehler wieder zu machen wie die Eltern?

Dr. Knarf: Nein, Angst macht mir das nicht. Man führt es sich aber vor Augen und überlegt sich, ob man selbst eine Familie haben möchte. Je länger man darüber nachdenkt, umso mehr registriert man, dass solche Sache sich nicht wiederholen sollten. Ich bin meinem Vater oder meiner Mutter nicht sehr ähnlich. Meine Eltern haben sich damals nie gut verstanden, darum gab es immer Reiberein – oft auch sehr brutal. Mein Vater war dann immer besoffen und auf irgendwelchem anderen Kram. Und als meine Eltern sich dann voneinander getrennt haben, war es auch nicht so einfach, auch wenn das schon lange her ist. Ich war damals acht oder neun Jahre alt. Heute habe ich viel vergessen und mit vielem abgeschlossen. Ich weiß, dass ich in diesem Fall nicht der Vorzeigetyp bin, aber ich will dafür auch kein Mitleid.

Was bedeutet dir das Leben an sich?

Dr. Knarf: Das Leben beutetet mir alles. Man hat unendlich viele Möglichkeiten etwas zu machen oder zu erschaffen. Das finde ich besonders spannend. Musik ist für mich das Schönste am Leben. Mit ihr kann man sich ausdrücken und einfach etwas für den Moment schaffen, jegliches Zeitgefüge sprengen. Musik wird immer Leben. Sie ist unsterblich. Es gibt Songs, deren Melodie die Menschen schon seit 100 Jahren pfeifen. Über Musik entscheidet nur ein Moment. Geht sie Menschen ins Ohr, kann sie länger existieren als du selbst.

Ich möchte mich durch meine Musik unsterblich machen. Mein Sinn im Leben ist es Musik zu machen. Ich will Menschen Freude bereiten. Ich will Liebe verteilen. Ich will positive Sachen machen, kreativ sein. In meinem Leben dreht sich alles um die Musik. Aber ich bilde mich auch stetig weiter und chille viel mit Freunden. Das gehört für mich alles zum Sinn des Lebens. Das ist ein Komplettpaket.

Nun bist du ein Mensch, der schon viele negative Erfahrungen in seinem Leben machen musste. Du warst damals wegen versuchten Totschlags im Gefängnis. Was ist passiert?

Dr. Knarf: Jam, damals ist viel passiert. Aber ich möchte mich an dieser Sache gar nicht aufhängen. Ich finde, das war keine ehrenswerte Tat und ich fühle mich deswegen auch nicht besonders gut. Da ist eben nicht viel dabei. Jeder Mensch kann in den Knast kommen. Ich war 18 Jahre alt und jemand ist fast gestorben. Es ist damals alles sehr unglücklich verlaufen. Ich war mit einem Kollegen unterwegs und wir haben riesige Wut auf einen anderen Typen bekommen. Leider war der Typ mit Freunden da, also viel mehr als wir beide. Aber ich möchte das Thema nicht so breittreten.

Aber wieso passt deine Geschichte wieder in das Klischee “Rap-Musiker und Gewalt”? Wieso gibt es dazu immer Parallelen?

Dr. Knarf: Ich kann schon verstehen, dass einigen Menschen so eine, oder eine ähnliche Geschichte wie mir widerfährt. Wenn man sich in einer bestimmten Situation in seinem Leben befindet, die einen abfuckt, kommt leicht Hass auf. Da stauen sich unglaubliche Aggressionen auf. Aber man sollte seine Wut nicht in körperliche Gewalt umwandeln. Ich lebe diese Gefühle heute alle in meinen Texten und meiner Musik. Was ich aber sehr gefährlich finde, ist Gewalt zur Verkaufsstrategie und zum Image eines Künstlers zu machen.

Ich kann voll verstehen, dass man seine Aggressionen abbauen muss – egal ob in einem Text oder mit der Faust. Das muss jeder selbst entscheiden. Aber ich kann es aber nicht akzeptieren, wenn man das lediglich als Verkaufsstrategie nutzt und kleinen Kindern etwas vorspielt. Viele Leute, die im HipHop tätig sind, sind ja keine Vollidioten. Wenn man ein gewisses Alter hat, sollte man sich nicht mehr allzu kindisch verhalten. Ich fühle mich schon sehr verantwortlich für alles was ich sage. Aber ich denke auch nicht, dass ich eine Vorbildfunktion einnehmen muss.

Wie stehst du momentan zu deinen deutschen Rap-Kollegen?

Dr. Knarf: Es gibt schon viele Leute, die sich zum Affen machen. Wenn sie sich mal allein in einem Zimmer mit ihrer Musik beschäftigen würden und die sich reinziehen müssten, dann würden sie schon heftig verwirrt sein. Ich werde jetzt aber keine Namen droppen. Ich höre deutschen Rap meistens nur aus meiner Clique. Wir machen deutschen, französischen und spanischen Rap. Der Rest interessiert mich nicht wirklich, denn das, was man mitbekommt, reicht um es nicht sonderlich toll zu finden. Ich höre auch gern Pop-Musik. Ich steh voll auf Michael Jackson. Der rockt. (lacht)

Das könnte Dir auch gefallen...

Lass einen Kommentar da...

Kommentarfeld

Autoren

Archive

GRAFFITI: HALL OF FAME @ WILDSTYLE SHOP


Exklusiv-Gewinnspiele für Freunde!

WildstyleMag.com on Facebook

Letzte Beiträge