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Sandy Solo – “HipHop ist nur noch Rap!”

von Mareen Wordoff am 15 Feb. 2009 in Interviews
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36/250 – Gesichter deutscher Rap-Kultur: Folgendes Szenario: 60. Geburtstag von Tante Gudrun. Die Sause steigt im “Goldenen Hirschen” Man sieht viele Menschen. Man kennt sie nicht, obwohl man sollte. Die Stunden ziehen sich wie ein alter Kaugummi. Es ist öde und einsam. Der iPod hält durch. Dumm nur, dass von Großcousine bis Onkel dritten Grades jeder checkt, wie viel Bock man auf diese Veranstaltung hat.

Man hat aber nichts zu verbergen. Man stellt seine verkümmerte Laune gern zur Schau. Man ist ja cool und steht zu seiner Meinung, aus Credibility-Gründen. Who the fuck cares also? Plötzlich springt Max, seines Zeichen 7-jähriger Neffe, aus der Ecke, wirft sich einem um den Hals und reißt die frisch georderte New Era Cap vom Kopf. Ein allzeit beliebter Gag. Gähn. Wedelnd mit der Cap in der Hand wie eine Trophäe, dabei irgendwelche Gesten aus 08/15-Rapvideos imitierend, fängt er an, Fragen zu stellen. Fragen, auf die man eigentlich keine Lust hat: “Wat isn dat eigentlich, was du da immer für Musik hörst? Is dat HipHop? Wer isn HipHop? Bist du auch ein Rapper?”

Als wir vor ein paar Wochen Sandy Solo in der Nähe von Stuttgart trafen, hatten wir auch ein paar Fragen im Gepäck. Aber bevor es losging, zockten wir ihm erstmal seine Cap. Herrlich.

Du bist nun schon ziemlich lange dabei und hast viele Leute kommen und gehen sehen. Wenn du das HipHop Business heute, mit dem Anfang der 90er Jahre vergleichst, wo siehst du die Unterschiede?

Sandy Solo: Als erstes gibt mir mal wieder meine New Era Cap wieder. (lacht) Aber zum Thema: Zum einen muss ich leider feststellen, dass HipHop heute eigentlich nur noch Rap bedeutet. Es sollte vielmehr Videos und Veranstaltungen geben, bei denen auch Breakdance und Graffiti eine Rolle spielen. Wenn du dich also damals entschieden hast, ein MC zu sein, dann kommst du heute immer noch ganz gut klar mit dem Business. Aber wenn du jetzt B-Boy oder Sprüher bist, dann sieht das schon anders aus. Die beiden Elemente der HipHop Kultur sind leider total in den Hintergrund geraten. Eigentlich ein Schande.

Der andere große Unterschied liegt in der Art der heutigen Musik. Rap war früher viel positiver. Heute geht es nur noch darum, jemanden zu dissen. Zu erzählen wie hart das Leben ist oder darum was für ein Gangster man ist. Alles eher negativ. Früher gab es zwar auch Beef und Gangster-Platten, aber die waren trotz allem viel positiver verpackt als der ganze Müll den man heute kaufen kann. Das ist mir heute einfach alles zu negativ.

Du bist ein großer Fan amerikanischer HipHop-Musik. Gibt’s in Deutschland keine Talente?

Sandy Solo: Also als ich angefangen hab Rap zu hören, so 1986/87, da gab es nichts auf Deutsch. Dann kam irgendwann mal Moses Pelham mit “Twilight Zone” und danach irgendwann AC, STF und das ganze Zeug. Das war alles cool, aber irgendwie bin ich einfach bei Ami Rap geblieben. 90 Prozent der deutschen Sachen fühle ich einfach nicht. Es gibt 5-6 Rapper in Deutschland die ich gut finde und die ich mir auch geben kann. Der Rest ist leider nicht mein Fall.

Und an dieser Stelle, möchte ich mal kurz etwas sagen, was mich seit Jahren stört: Die Leute reden immer von deutschem HipHop. Ich finde diese Formulierung einfach falsch. HipHop ist international. Es sollte Deutsch-Rap oder deutscher Rap heißen, aber bitte nicht Deutscher HipHop. HipHop ist die Lebensart. Rap ist Musik. Mann könnte den Begriff höchstens mal verwenden, wenn man von der deutschen HipHop Szene spricht um sie mit anderen Ländern zu vergleichen. Aber ansonsten sind die Wörter Deutscher HipHop für mich nicht existent.

In einem Interview hast du mal gesagt: “Das Schlimmste was einem Künstler passieren kann, ist, das er nicht mehr hungrig ist.” Bist du nach all den Jahren nicht auch schon satt?

Sandy Solo: Nee, auf keinen Fall. Und das ist ja das schöne am HipHop. Wenn du HipHop lebst und liebst, dann ist das Motivation genug. Ich bin wirklich froh, das ich die “Golden Era” des HipHops mitbekommen habe. Dadurch hat das für mich alles auch einen anderen Stellenwert als für diese ganzen Hobby HipHopper heute. Solange HipHop lebt, solange werde ich motiviert sein. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde meines Lebens.

Einige Leute kennen dich von der “Feuer über Deutschland” DVD. War es aus heutiger Sicht ein Fehler dort mit zu machen oder bist du der Meinung “Lieber schlechte Promo als keine”?

Sandy Solo: Nein, das war kein Fehler. Okay, ich bin kein Battlerapper und gehöre da eigentlich nicht hin, aber dennoch war die Promo extrem wichtig. Wenn ich jetzt eine Platte raus bringe, dann können die Leute etwas mit meinem Namen anfangen. Davor hätte ich 100 Platten machen können, es hätte sich niemand dafür interessiert. Egal wie gut oder schlecht. Ich habe trotz allem sehr viel positives Feedback bekommen. Ich hab bei FüD 3 in einem Interview einen Satz gesagt: “Hört euch einfach mal meine Songs an, die sind viel besser als die Songs dieser ganzen Battlerapper.”

Und genau das haben viele gemacht. Ich hab haufenweise positive Reaktionen bekommen. Die Leute haben mir in diesem Sinne Recht gegeben. Fazit: Für mich hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Außerdem haben sich auch ein Haufen hübscher Mädels gemeldet und fast alle haben dasselbe gesagt: “Ich musste mir gestern mit meinem Freund FüD anschauen. Mein Freund fand dich voll schlecht, aber ich finde du bist voll geil.” (grinst) Bleibt also nur eines zu sagen: Hatet ruhig weiter. Eure Mädels stehen auf mich. (lacht)

Viele Künstler können vom Rappen allein nicht leben. Wie siehst bei dir aus: Verdienst du ausschließlich mit Rap dein Geld?

Sandy Solo: Ja und Nein. Also das Geld, das ich verdiene, verdiene ich ausschließlich mit meiner Musik. Beats, Features, Aufnehmen und Abmischen. Das bringt alles ein bisschen Geld ein. Ob es zum Leben wirklich reicht, ist eine andere Frage. Im Moment reicht es zum Überleben. Auf Dauer muss sich da aber dringend noch etwas ändern.

Thanks, Sandy! Hier hast dein Cap wieder.

Sandy Solo: Ne, jetzt kannst du sie behalten. Ich schenk sie dir. (grinst)

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